Die Enthandwerklichung der Jagd setzt sich fort

02.07.2026

Vor über 10 Jahren – und zwar 2013 – wurden die deutschen Berufsjäger erstmals mit einem strukturierten Fragebogen über die Entwicklung der Jagd in Deutschland sowie über ihr Berufsbild und ihre beruflichen Zukunftseinschätzungen befragt. Damals erfolgte zeitgleich eine vergleichende Untersuchung unter Österreichs Berufsjägern. Der Ergebnisvergleich förderte sehr ähnliche Sichtweisen auf die Jagd bzw. auf die sich verändernden Rahmenbedingungen für die Jagd zu Tage. *)

Ein Jahrzehnt später findet sich ein unverändertes Meinungs- und Herausforderungsbild.
(Online-Trendbefragung unter 201 deutschen Berufsjägern 2025; market-Institut Studiennr. Z2028))

Die Berufsjäger sehen die Jagd in Deutschland in einer deutlichen Transformationsphase und verorten die Ursachen dafür primär in Veränderungen von Jagd-internen Faktoren und machen externe Einflussfaktoren der Jagd, wie beispielsweise den „Druck“ der Gesellschaft, weniger verantwortlich für den Status Quo der Jagd in Deutschland. Aus Perspektive der Berufsjäger erfolgt eine Transformation einer bislang traditionellen hegeorientierten, auf verbindlichen handwerklichen Fertigkeiten basierenden Jagd hin zur wildökologisch motivierten Bestandsregulierung bei gleichzeitiger Neudefinition des jagdlichen Handwerks und der Rolle des Jägers.

Diese verdichtete Betrachtung basiert auf Einzelergebnissen, also den Antworten auf die offene Frage: „Was ändert sich derzeit besonders an der Jagd in Deutschland?“

Insgesamt wurden 373 Nennungen ausgewertet und in thematische Cluster eingeordnet. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Veränderungen der Jagd von den Befragten vor allem in den Bereichen Technologie, Jägerschaft, politische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Erwartungen gesehen werden.

Ein besonders häufig genanntes Thema ist die zunehmende Technisierung der Jagd. Insgesamt 62 Nennungen beziehen sich auf den verstärkten Einsatz moderner technischer Hilfsmittel wie Wärmebildgeräte, Nachtsichttechnik oder andere elektronische Unterstützungssysteme. Viele Befragte sehen darin eine grundlegende Veränderung der Jagdpraxis. Während ein Teil der Berufsjäger den Einsatz moderner Technik als notwendige Anpassung an neue Herausforderungen – etwa zur effektiveren Bejagung bestimmter Wildarten – betrachten, äußert die Mehrheit eine kritischere Haltung. Aus ihrer Sicht könnte der zunehmende Technikeinsatz dazu führen, dass klassische jagdliche Fähigkeiten und Erfahrungen an Bedeutung verlieren.

Ein wichtiger Themenbereich betrifft Veränderungen innerhalb der Jägerschaft selbst. 39 Nennungen weisen darauf hin, dass sich Einstellungen, Motivation und Zusammensetzung der Jäger verändern. Genannt werden unter anderem Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Jägern, Veränderungen in der Ausbildung oder ein anderes Verständnis der Jagd als Freizeitaktivität. Teilweise wird auch darauf hingewiesen, dass traditionell weitergegebenes Wissen oder praktische Erfahrung seltener geworden sind.

Auch politische und rechtliche Rahmenbedingungen werden häufig angesprochen. 22 Nennungen verweisen auf neue Vorschriften, gesetzliche Änderungen oder politische Diskussionen rund um Jagd, Naturschutz und Wildmanagement. Es wird auch eine zunehmende Regulierung und ein stärkerer Einfluss politischer Entscheidungen auf die Jagd wahrgenommen.

Darüber hinaus thematisieren 18 Nennungen Veränderungen im Bereich der Waidgerechtigkeit und jagdlichen Ethik. In diesen Aussagen wird häufig die Sorge geäußert, dass traditionelle Werte und Normen der Jagd an Bedeutung verlieren könnten. Teilweise wird die Jagd stärker als Instrument zur Bestandsregulierung oder als Bestandteil des Wildmanagements wahrgenommen, während klassische Aspekte wie Hege oder jagdliche Traditionen in den Hintergrund treten.

Weitere Veränderungen betreffen das Wildmanagement und den Waldumbau. 12 Antworten beziehen sich auf steigende Anforderungen an die Regulierung bestimmter Wildbestände, etwa im Zusammenhang mit Waldschutz, Verbissproblematik oder Anpassungen der Wälder an den Klimawandel.

11 Nennungen thematisieren außerdem die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd. Hier wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass öffentliche Diskussionen über Jagd intensiver geworden sind oder dass Erwartungen aus Gesellschaft und Politik an Jäger steigen.

Ebenfalls 11 Antworten weisen auf einen möglichen Rückgang der klassischen Hegearbeit hin. Dabei wird teilweise kritisiert, dass Aspekte wie Lebensraumpflege oder langfristige Wildbewirtschaftung gegenüber kurzfristigen Abschusszielen an Bedeutung verlieren könnten.

Ein größerer Teil der Aussagen umfasst eine Vielzahl weiterer Einzelaspekte, die sich keinem der Hauptcluster eindeutig zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise ökologische Veränderungen, Veränderungen in der Organisation der Jagd oder allgemeine Beobachtungen zur Entwicklung der Jagdpraxis.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die befragten Berufsjäger den Wandel der Jagd vor allem als Zusammenspiel aus technologischen Entwicklungen, strukturellen Veränderungen innerhalb der Jägerschaft sowie politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wahrnehmen. Besonders die Technisierung der Jagd wird dabei als ein zentraler Treiber der aktuellen Veränderungen gesehen.

Auf Basis eines ausführlichen Thesenkataloges erfolgte eine detaillierte Abfrage der von den Berufsjägern wahrgenommenen „Veränderungstektonik“ der Jagd. Eine Faktorenanalyse gruppiert die Antworten und zeigt damit die Bewegungsrichtung kompakter als eine Einzelbetrachtung der abgefragten Items.

1. Die Jäger und ihre Verbände

Der stärkste die Jagd in Deutschland verändernde Faktor betrifft die Jägerschaft selbst, ist also ein interner Veränderungsfaktor und basiert auf Ausbildungs-, Wissen und Kompetenz-Themen und der Bewertung der Verbandsarbeit.

Die höchsten Korrelationskoeffizienten finden sich bei „die Dachverbände der Jagd werden mit ihrer aktuellen Ausrichtung die Jägerschaft in eine richtige Richtung führen (nur 10 Prozent Zustimmung) und „die Qualität der Jäger ist in den letzten Jahren besser geworden (nur 3 Prozent Zustimmung). Damit ernten die Dachverbände die Hauptkritik, welche in einer hohen Zustimmung und statistischen Korrelation mündet bei „der Ausbildung wird immer mehr auf Masse statt auf Klasse gesetzt (80 Prozent Zustimmung).

Weiter geht es mit: Die meisten Jäger verlieren immer mehr ihr jagdhandwerkliches Wissen (89 Prozent Zustimmung). Die technische Ausstattung der Jäger wird immer besser, ihre jagdliche Leistung aber eher schwächer (89 Prozent Zustimmung). Durch unprofessionelle Jagdmethoden wird das Wild zu sehr beunruhigt (89 Prozent Zustimmung). Viele Jäger machen keine ehrlichen Angaben über ihre tatsächliche Abschusserfüllung beim Schalenwild (66 Prozent Zustimmung).

Besorgt zeigen sich die Berufsjäger ob der Qualität der „freiwilligen“ Jäger. Dass die Qualität der Jäger besser geworden ist, sehen nur 3 Prozent der Berufsjäger.

2. Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Jagd

In diesem Faktor finden sich besonders spannende Ergebnisse, weil sich die Beurteilungen im Vergleich zu 2013 insgesamt zum Teil deutlich verbessert haben. Das würde dafür sprechen, dass es den Verbänden durchaus gelungen ist, positiv wirkende Kommunikation in Richtung Gesellschaft zu entfalten.

Die Aussage: „Die Medien gehen mit den Jägern nicht fair um, vielfach belustigt man sich über Jäger“ hat sich um 27 Prozent abgeschwächt und liegt mit einer Zustimmung von 49 Prozent im Vergleich zu 2013 wesentlich besser. Dies trifft auch auf “die Gesellschaft geht immer kritischer mit Jägern um“. Mit minus 21 Prozent ist diese Beurteilung aktuell 63 Prozent und fällt damit ebenfalls deutlich günstiger als 2013 aus.

Die Ansicht, dass die Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege der Jäger ist zu wenig professionell sei, teilten 2013 81 Prozent der befragten Berufsjäger. Jetzt liegt der Vergleichswert bei 86 Prozent. Einen weiteren positiven Veränderungs-Spin besitzt: „Jäger fallen in der Öffentlichkeit oft durch negatives Verhalten auf“. Aktuell liegt die Zustimmung bei 43 Prozent. 2013 war sie mit 54 Prozent schlechter.

Deutlich zugenommen hat die Meinung, dass das Waffenrecht für Jäger immer restriktiver wird (plus 22 Prozent).

 

3. Die Bewältigung der jagdlichen Aufgabe

Eine zentrale Aufgabe der Jagd kommt zunehmend unter Druck. Es wird für Jäger immer schwieriger die Wildbestände zu regulieren, zumindest aus Perspektive der deutschen Berufsjäger. Hauptsorge sind Schwarz- als auch Rotwild. Für die Erfüllung dieser Aufgabe spielt der Faktor verfügbare Zeit eine wesentliche Rolle, zumindest korreliert dieses Item auf dem Faktor „Bestandsregulierung“. Interessant: Im Trendvergleich entspannen sich die Werte beim Faktor Zeit etwas (minus 9 Prozent), möglicherweise besteht der Eindruck, dass verfügbare Zeit die letzten Jahre etwas zugenommen hat, allerdings dürfte dieses Zeitplus nicht unbedingt ausschließlich in die Jagd investiert werden. Die jagdhandwerkliche Herausforderung hat zugenommen. Schwarz und Rotwildbestände lassen sich nur schwer regulieren und gleichzeitig mangelt es an ausreichend freier Zeit

4. Das Lebensraum Dilemma

Höchst brisant neben der „Enthandwerklichung der Jagd“ ist aus Sicht der deutschen Berufsjäger der fortschreitende Lebensraumverlust des Wildes. Eine große Relevanz wird zunehmenden Druck durch Freizeitaktivitäten auf den Wild-Lebensraum beigemessen. Die Überzeugung, dass aus diesem „Mensch-Wild-Konflikt“ der Wald als Sieger hervor geht, dominiert die Erwartungshaltung der Berufsjäger.

5. Mehr Professionalität und Wissenschaft und weniger Trophäen und Event-Jagd

Die fünfte Faktorgruppe wirkt auf den ersten Blick ein wenig inkonsistent. Einerseits laden auf dieser Dimension Kritikfaktoren wie Trophäenkult und Jagd mit Eventcharakter, andererseits wird auf die Bedeutung Kooperation der Jagd mit Wissenschaft und Forschung hingewiesen und als Resultante mehr professionelle Jagd – und damit mehr „Berufsjäger“ im Jagdsystem – als zukunftswichtig erachtet.

FAZIT:

Die vorliegende Befragung der deutschen Berufsjäger zeigt, dass sich die Jagd seit Jahren in einer deutlichen Transformationsphase befindet. Die Mehrheit der befragten Berufsjäger sieht tiefgreifende Veränderungen, die vor allem durch interne Faktoren der Jägerschaft verursacht werden.

Ein zentraler Aspekt ist die zunehmende Technisierung der Jagd, etwa durch den Einsatz von Wärmebild- und Nachtsichtgeräten. Diese Entwicklung wird teilweise als notwendig angesehen, gleichzeitig besteht die Sorge, dass traditionelle handwerkliche Fähigkeiten an Bedeutung verlieren. Insgesamt zeigt sich eine „Enthandwerklichung“ der Jagd, bei der praktische Erfahrung und überliefertes Wissen zurückgehen.

Ausbildung, Motivation und Kompetenz der „freiwilligen“ Jäger werden kritisch bewertet, wobei viele Berufsjäger einen Qualitätsverlust feststellen. Gleichzeitig wird den Jagdverbänden eher wenig Vertrauen entgegengebracht. Im Zusammenhang mit dem Zukunftsthema „Qualitätssicherung bei der Jagd“.

Die Regulierung von Wildbeständen wird zunehmend schwieriger. Parallel dazu verschärft sich der Lebensraumverlust des Wildes. Insgesamt zeigt die Untersuchung, dass die Jagd sich von einer traditionell handwerklich geprägten Tätigkeit hin zu einer stärker technisch unterstützten Form der Bestandsregulierung entwickelt, mit der Gefahr, dass das „Jagdhandwerk“ zunehmend auf der Strecke bleibt.

 

 

*) Werner Beutelmeyer, Helmut Neubacher: Jagd braucht mehr Professionalität; IN WILD UND HUND 22/2013

**) wurde 2013 nicht erhoben

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