Werden wir immer gewalttätiger?

Beinahe täglich berichtet Österreichs Medienlandschaft in den letzten Wochen und Monaten von gewalttätigen Übergriffen. Neben dem letztwöchigen Schussattentat vor einem Salzburger Lokal ist der Vorfall um eine Wiener HTL noch genauso präsent wie die überdurchschnittlich häufigen Morde an Frauen in der ersten Jahreshälfte. Unter diesen dramatischen Vorzeichen gingen wir in unserer neuen Studienreihe „IM FOKUS“ der Frage nach, wie es wirklich mit der Gewaltbereitschaft in unserem Lande aussieht, oder ob man sich vielleicht durch eine gehäufte mediale Berichterstattung nur über die realen Statistiken hinweg täuschen lässt? Fakt ist, bereits jeder Vierte war seit seinem 16. Lebensjahr unmittelbar von einer Gewalttat betroffen.

 

Mehr als 80 Prozent nehmen eine Zunahme bei der Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft wahr

 

Um eine der Eingangsfragen zu klären – JA, offenkundig werden wir tatsächlich immer gewaltbereiter, konkret mehr als 80 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sind dieser Ansicht. Immerhin knapp jeder Zweite gibt sich diesbezüglich vollends überzeugt. Lediglich 8 Prozent folgen dabei der Gegenthese, dass es eine derart hohe Gewaltbereitschaft schon immer gegeben habe – und dass lediglich der mediale Fokus stärker darauf gelegt werde. Im Detail sind es dabei vor allem die Älteren ab 50 Jahren, die hier eine steigende Gewaltbereitschaft erkennen wollen. Auch einher geht damit freilich eine erhöhte persönliche Unsicherheit in den entsprechenden Segmenten. Interessant allerdings: immerhin 15 Prozent, die bereits selbst einmal Opfer einer Gewalttat wurden, sehen explizit keine Zunahme der Gewaltbereitschaft.

 

Ausländer- und Migrantengruppen mit höchster Anfälligkeit für Gewalttaten, schulischer Bereich auf Platz 2

 

 In weiterer Folge lassen sich einzelne Gruppen und Gruppierungen ausmachen, in denen das Thema Gewalt bzw. Gewaltbereitschaft eine erhöhte Rolle spielt. So glauben drei Viertel der Befragten, dass vor allem unter Ausländern und Migrantengruppen ein erhöhtes Risiko für das Aufkommen von Gewalttaten besteht. Auch das jüngst viel diskutierte Umfeld „Schule“ schlägt hier mit knapp zwei Drittel besonderes stark aus. Während man ein ähnliches Gefahrenpotenzial naturgemäß auch bei politischen Gruppierungen und Aktivisten erkennen will, schätzt man bspw. das Thema Gewalt in der Familie in etwa gemäß den reellen Statistiken ein: Rund ein Viertel sehen in einer Familie bzw. Beziehung ein erhöhtes Risiko für Gewalttaten, in etwa gleich viele Kinder müssen lt. Statistik mitansehen, wie sich Eltern Gewalt antun (Quelle: BMWFJ, 2017).

 

Wiederum sind es die Älteren ab 50 Jahren, die im Altersvergleich generell von höheren Konfliktpotenzialen ausgehen. Weniger Differenzen in den Einschätzungen gibt es hingegen zwischen den Geschlechtern als auch – und das doch etwas überraschend – im Zusammenhang mit dem jeweiligen Urbanitätsgrad der Befragten.

 

Großes Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft, 8 von 10 fühlen sich im eigenen Umfeld sicher

 

Trotz dieser Zahlen und Statistiken lagert das persönliche Sicherheitsgefühl recht hoch. 85 Prozent geben an, dass sie sich sehr bzw. eher sicher fühlen und die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer einer Gewalttat zu werden, sehr gering bis unwahrscheinlich ist. Ein Drittel, hier vermehrt die Männer, ist von seiner Sicherheit im eigenen Umfeld gar überzeugt. Immerhin, rund jeder Zehnte äußert in diesem Zusammenhang gewisse Unsicherheit und Unbehagen, wobei es diesbezüglich auffälligere Häufungen unter Jüngeren bis 29 Jahre gibt. Gleiches gilt naturgemäß auch für jene Personen, die bisher schon zumindest einmal Opfer einer Gewalttat geworden sind, womit sich durchwegs Überschneidungen der beiden Segmente vermuten lassen.

 

 

Jeder Vierte zumindest einmal Opfer einer Gewalttat, auffälligere Häufung bei den unter 50-Jährigen

 

Der Anteil, der dem eigenen Empfinden nach zumindest einmal schon konkret Opfer einer Gewalttat geworden ist, lagert mit insgesamt 25 Prozent ebenso hoch. Jeder zehnte Befragte berichtet immerhin von einer häufigeren bzw. mehrmaligen Opferrolle, wobei in diesem Segment wiederum die Jüngeren (bis 29 Jahre) überdurchschnittlich auffallen. Jeder fünfte 30-49-Jährige kam zumindest einmal in die unfreiwillige Opfersituation. Ebenso sticht der höhere Anteil an Betroffenen ins Auge, bei denen Kinder im Haushalt leben.

 

Weggestoßen bzw. geohrfeigt werden zählen zu den häufigsten Erfahrungswerten, 6 Prozent mit Waffe bedroht

 

Auf Ebene der einzelnen Gewalttaten sind es vorrangig zwei Handlungen, die hinter diesem ausgewiesenen Opferanteil stehen. So geben 29 Prozent an, schon absichtlich weggestoßen worden zu sein, noch höher fällt mit gut einem Drittel der Anteil jener aus, die (seit ihrem 16. Lebensjahr) eine leichte Ohrfeige bekommen haben. Geht man nach schwerwiegenderen Taten, so findet man immerhin in Summe noch durchschnittlich je 15-20 Prozent, denen Derartiges widerfahren ist. Dazu zählen bspw. Beworfen werden mit einem verletzenden Gegenstand (20 Prozent), körperlich angegriffen bzw. bedroht werden (19 Prozent), getreten werden (18 Prozent) als auch geschlagen werden (15 Prozent). Immerhin 6 Prozent wurden lt. Eigenaussage bereits mit einer Waffe bedroht, 8 Prozent überfallen bzw. beraubt, wobei diese Anteile in der Gruppe der ausgewiesenen bisherigen Gewaltopfer wiederum auf rund 15-20 Prozent ansteigen.

 

Interessant auch, dass man die eigene Gewaltbereitschaft bzw. diese möglichen Handlungen klar geringer bewertet. Allerdings spricht jeder Fünfte davon, jemanden schon einmal leicht geohrfeigt zu haben, rund 15 Prozent haben andere auch schon absichtlich weggestoßen.

 

Zusätzliche, traurige Erkenntnis: bisherige Gewaltopfer neigen selbst auch klar stärker zur Gewaltbereitschaft, frei nach dem Leitsatz „Gewalt erzeugt Gegengewalt“.

 

Gewalt in der Gesellschaft muss reduziert werden, die Wege dazu sind vielfältig

 

Dass man sich trotz eines wie erwähnt hohen Sicherheitsgefühls eine klare Reduktion der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft wünscht, lässt sich zwischen den Zeilen der Bewertung der einzelnen Möglichkeiten dazu herauslesen. Im Schnitt mind. 70-80 Prozent ordnen dabei unterschiedlichen Ansätzen hohe Effektivität und Sinnhaftigkeit zu, und unterstreichen damit die Wichtigkeit zu setzender Gegenmaßnahmen.

 

Im Detail überwiegen hier die Themen Aufklärung in Schulen und Kindergärten zum Thema Gewalt (67 Prozent, die diesen Weg als sehr sinnvoll erachten), aber auch mehr Anlaufstellen für bedrohte Personen traut man dabei ähnliche Effekte zu (58 Prozent). Zudem spricht mehr als jeder Zweite von einer besonders großen Effektivität einer höheren Polizeipräsenz, wohingegen das Thema Kameraüberwachung klar schwächer wegkommt (35 Prozent). Auch härtere Strafen, bereits für leichtere Gewalttaten wären für immerhin 44 Prozent klar ein Mittel zum Zweck.

 

Wesentlich zu guter Letzt die klaren Zusammenhänge mit dem persönlichen Involvement an dieser Stelle. So setzen bspw. sich sicher fühlende Personen vermehrt auf das Thema Prävention als auch Unterstützung in Form von Anlaufstellen, Unsichere hingegen erachten ein aktives Zeichensetzen wie eben durch eine erhöhte Polizeipräsenz, eine stärkere Überwachung aber auch härtere Strafen als klar sinnvoller.


Dokumentation der Umfrage MA851:

n=809 Online-Interviews unter der österreichischen Bevölkerung ab 16 Jahren, Erhebungszeitraum: 5. bis 6. Juni 2019

maximale statistische Schwankungsbreite bei n=809 +/- 3,52 Prozent

 




Bei Interesse an unserer Studie oder bei diversen Fragen stehen wir gerne und jederzeit zur Verfügung. Wir freuen uns auf Ihre Anfrage!

Ihre Ansprechperson

Mag. Stefan Anzinger
Senior-Researcher