Jagd und Forst: Kein Konflikt in Österreich

In der Mariazeller Erklärung hielten Forstwirtschaft und Landesjagdverbände 2012 fest, dass ausgeglichene wald- und wildökologische Verhältnisse zu schaffen sind. Am 1.8. 2012 trafen sich die höchsten Repräsentanten der Forstwirtschaft und der Landesjagdverbände in Mariazell, um eine gemeinsame Erklärung zu unterfertigen. Sie war vor fünf Jahren der Startschuss für geeignete Maßnahmen, um regional angespannte Situationen im Lebensraum Wald effizient zu lösen. Nach fünf Jahren stellt sich die Frage, wie gut dieser Schulterschluss zwischen Jagd und Wald funktioniert und welche Lern- und Lösungsprozesse dadurch angeregt wurden.

 

Ist dieser 2012 initiierte Forst- und Jagddialog beim österreichischen Jäger angekommen? Das market-Institut hat dazu im Rahmen einer österreichweiten repräsentativen Jägerbefragung die Frage gestellt: 1) „Haben Sie schon einmal vom Forst und Jagddialog, also der Mariazeller Erklärung gehört oder hören Sie das zum ersten Mal?“ Das Ergebnis: 42 Prozent der österreichischen Jäger kennen die Mariazeller Erklärung oder haben zumindest davon bereits gehört. Diesem Wert stehen 58 Prozent Nicht-Kenner gegenüber. Da bei solchen Wissensfragen eine gewisse Suggestion der Antworten in Richtung, ich möchte mich als Befragter nicht als Unwissend deklarieren, sind die 42 Prozent „Kenner“ der Mariazeller Erklärung etwas tiefer zu hinterfragen.

 

Die nachfolgende Frage - könnten Sie die Kernaussage oder die zentrale Botschaft der Mariazeller Erklärung mit eigenen Worten wiedergeben?- trennt Spreu vom Weizen. Bezogen auf die Grundgesamtheit aller Jäger Österreichs, könnten (unüberprüft) 15 Prozent die Botschaft der Mariazeller Erklärung wiedergeben. 85 Prozent sind ziemlich ahnungslos.

 

 

Dieser nach fünf Jahren recht bescheidene Kenntnisstand dokumentiert, dass über einschlägige Expertenkreise, also Jagdfunktionäre- und Forstexperten diese Thematik kaum hinausgedrungen ist.

 

Doch wie sieht die „inhaltliche Identifikation“ der Jägerschaft mit dem Gedankengut der Mariazeller Erklärung aus.

 

  1. Die Verjüngung der im Revier typisch vorkommenden Baumarten soll grundsätzlich dem natürlichen Potential entsprechend erfolgen können.
    Dieser Aussage stimmen 31 Prozent der Jäger uneingeschränkt zu (Note 1). 2)
  2. Die Wildbestände sollten derart gestaltet sein, dass Schutzmaßnahmen nicht die Regel sondern die Ausnahme darstellen.
    Die volle Zustimmung (Note 1) macht hier 26 Prozent aus.
  3. Die Regulierung der Schalenwildbestände ist die vordringliche Aufgabe der Zukunft
    In diesem Punkt finden sich auf der Zustimmungsnote eins 19 Prozent.

 

Etwa jeder vierte Jäger steht damit voll inhaltlich hinter der Mariazeller Erklärung, unabhängig davon, ob er überhaupt mit dem Begriff Marizeller Erklärung etwas gedanklich verbindet. Interessant: Jäger aus urbanem Umfeld sind signifikant weniger problembewusst. Und es diskriminiert die Einstellung zur Jagd: Jägern, denen die Jagd besonders wichtig ist, setzen sich stärker für die Regulierung der Schalenwildbestände in Österreich ein.

 

 

Es gehört auch zum Jagd-Handwerk Verbißschäden zu erkennen. Die Antworten auf die Frage: Trauen Sie sich zu, einen Verbißschaden an den wirtschaftlich wichtigen Baumarten zu erkennen oder eher nicht? zeigen Schulungsbedarf. Nur ein knappes Drittel der österreichischen Jäger (31 Prozent) gab zu Protokoll, dass sie Verbißschäden eindeutig erkennen. Von der Tendenz sind in diesem Punkt eher ältere Jäger den jüngeren Waidkameraden etwas fachlich voraus.

 

 

Sind die ausgewiesenen Schäden durch Schalenwild in Österreich vielleicht nur forstliche Propaganda, eher übertrieben oder doch tatsächlich vorhanden. Die Mehrheit der Jäger (56 Prozent) vermutet eine forstliche Schadensrealität. Und wieder unterscheiden sich die Ergebnisse von Stadt und Land-Jägern ziemlich. Stadtjäger vermuten am stärksten, dass die ausgewiesenen Forstschäden entweder weit übertrieben oder gar nur Propaganda der Forstleute sind (57 Prozent).

 

 

Abschließend wollten wir noch wissen, wie es im eignen Revier mit der Schadenssituation aussieht. Die Antworten belegen, dass die Wildschadensfrage in vielen Revieren bereits Realität ist. 44 Prozent sind sich der Schäden im eigenen Revier bewusst, besonders ausgeprägt ist das Schadensniveau in Rotwildrevieren (54 Prozent). Gleichzeitig wird bisher aber in den Rotwildrevieren am wenigsten an der Lösung bzw. Verbesserung der Schadensthematik gearbeitet (17 Prozent).

 

 

Die großen Herausforderungen durch Schäden von Schalenwild sind längst in den österreichischen Jagdrevieren angekommen. In Rotwildrevieren besteht eine besondere Brisanz. Offenkundig wird die Schadenssituation oft übersehen, oder eher isoliert betrachtet und zum Teil auch marginalisiert. Der nationale Schulterschluss und Aktionsplan „Mariazeller Erklärung“ hat bis dato kaum die Schublade-Phase überwunden und verschließt sich einer breiteren Aufmerksamkeit.

 


1) Vgl. market-Institut: Z2498; Online Jägerbefragung in Gesamtösterreich (n=420); April 2017

2) Besonders aussagekräftig bei skalierten Abfragen ist die erste Antwortkategorie (Top Box), die weiteren skalierten Antwortalternativen haben eine „Alibifunktion“.




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Ihre Ansprechperson

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
Institutsvorstand und Geschäftsführer