Jäger 4.0: Verändert High Tech das Jagderlebnis?

In einer Gesellschaft, die sich in ihren Strukturen und Werten verändert, ändern sich auch die Rahmenbedingungen für die Jagd. Urbanisierung, Digitalisierung, High Speed, zunehmende Oberflächlichkeit, Naturentfremdung, etc. sind nur einige Schlagworte in diesem Zusammenhang. Das Weidwerk steht im Spannungsfeld gesellschaftlicher Interessen und es lastet auf ihm das zunehmende Unverständnis, warum es überhaupt in unserer Kulturlandschaft die Jagd braucht. Die Jäger selber verändern sich auch, haben weniger Zeit für die Jagd, möchten möglichst raschen Jagderfolg, sind bestens ausgerüstet aber in vielerlei jagdhandwerklichen Belangen zunehmend unsicher und es reizt das Neue. Ballistikapps, Nachtsicht- und Zieltechnik, Schalldämpfer, Drohneneinsatz, digitale Kameratechnologie, GPS im Revier – all das kündigt möglicherweise einen neuen Jäger an, den Jäger 4.0.

 

Auch für den Jäger 4.0 steht an erster Stelle ein tiefes Jagderlebnis

 

Die Motivanalyse zeigt es unmissverständlich auf: Jagd ist zunächst in der Hauptsache ein besonders tiefes Naturerlebnis. Genau dieses suchen auch (moderne) Jäger vorrangig. Das Jagd-Naturerlebnis ist intensiver, eindrücklicher und mitreißendender als Joggen in der Natur, Bergwandern, Paragleiten, Mountainbiken oder Schwammerlsuchen. Jagd vermittelt vermutlich das intensivste und stärkste Naturerlebnis überhaupt. In zweiter Linie definiert sich die Jagd über ein altes, traditionelles anspruchsvolles handwerkliches Wissen und Tun. Jagd ist gelebtes handwerkliches Kulturgut, das einerseits ein starkes traditionelles Erbe hat und andererseits auch mit der Zeit gehen muss und neue Entwicklungen immer auch berücksichtigt hat. Die dritte Säule der Jagd ist das Produkt bzw. das Ergebnis Wildbret. Wildbret wird vom Konsumenten per se als ein besonders hochwertiges Lebensmittel eingestuft. Mehr als Bio im Versprechen und regional darüber hinaus - Tierwohl inkludiert.

 

Neue Technologien und Möglichkeiten der Jagd sind grundsätzlich nicht als sprichwörtlicher Fluch oder Segen zu apostrophieren. Wenn sich diese neuen Möglichkeiten in einer Vertiefung des jagdlichen Erlebnisses niederschlagen oder sich in einer Verbesserung der handwerklichen Leistung manifestieren, dann sind Innovationen und neue Technologien mehr als wünschenswert. Tun sie das aber nicht, dann stellt sich eine grundsätzliche jagdethische Frage. Dürfen wir das tun, was jagdtechnisch möglich ist? Weil es sinnliches Naturerlebnis kostet und/oder das praktizierte Jagdhandwerk (weiter) schwächt.

 

High Tech ist per se nicht Fluch oder Segen für die Jagd

 

Aus Sicht der Jäger in Deutschland und Österreich sind Weidgerechtigkeit und Jagdhandwerk die letzten Jahre schlechter geworden. Ganz besonders kritisch äußern sich die deutschen Jäger in diesem Zusammenhang. Das ist durchaus empirisch relevant. Gesellschaftlicher Wandel bzw. Veränderung läuft von urbanen in Richtung ruraler Gesellschaften. Auch beim Wertewandel zeigt sich dieser „Vorsprung“ Deutschlands gegenüber Österreich. Mit anderen Worten: Der Blick nach Deutschland –auch in Sachen Jagd – hat so etwas wie eine Indikatorfunktion für Österreich.

 

Im Übrigen definiert sich Weidgerechtigkeit zu ca. 68 Prozent aus dem handwerklichen Können. Das bestätigt die statistische Korrelation beider Begriffe. 

 

Welche Anforderungen stellen die Jäger an sich selbst? Ziemlich hohe. Ganz oben im Ranking rangiert der sichere Umgang mit der Waffe, die Achtung vor der Natur und dem Wild sowie eine fundierte Ausbildung. Spannend ist, dass die Aufgeschlossenheit gegenüber den neuen technischen Möglichkeiten zunächst eher im Schlussfeld des Anforderungs-Rankings liegen.

 

Jäger stellen hohe Anforderungen an sich selbst

 

In der Selbsteinstufung der Jäger ist die Erfüllung der idealtypischen Anforderungen eher gering. Die Jäger werden offenkundig ihren eigenen hohen Anforderungen nicht gerecht. Massive Abweichungen und damit Defizite bestehen besonders bei den ganz wichtigen Themen wie, Sicherheit im Umgang mit der Waffe, Respekt vor Natur und Kreatur, fundierte Grundausbildung, erlegtes Wildbret routiniert versorgen, korrekte Ansprache nach Geschlecht und Altersklasse etc..

 

Es existiert ein ziemliches Spannungsfeld zwischen Soll und Ist, zumindest im statistischen Mittelwert. Sprichwörtlich „Ausgelernt“ haben die Jäger nie. Im Gegenteil - vielerlei Erfahrungs-, Wissens- und Praxislücken gilt es zu schließen. Mit den neuen Technologien womöglich? 

 

Österreichische Jäger präsentieren sich insgesamt etwas selbstbewusster als die Deutschen. Bei Ausbildung und Brauchtumspflege sehen sich die österreichischen Weidmänner am ehesten vorne.

 

Es eint sie die Meinung zu den innovativen Produkten und technischen Möglichkeiten der Jagd. Zwei Drittel der befragten Jäger vertreten die Ansicht, dass diese neuen Entwicklungen für die Jagdpraxis wertvoll sind, weil sie den Jagderfolg positiv beeinflussen. Man kann dadurch wesentlich erfolgreicher Jagen.

Die gegenteilige Meinung vertritt nur eine Minderheit. Etwa jeder vierte Jäger fürchtet, dass durch diese neuen Produkte und Möglichkeiten, die Jäger ihre handwerklichen Fertigkeiten verlieren. 

 

Die konkrete Nachfrage - wie sehr man sich für diese neuen Möglichkeiten der Jagd interessiert? bestätigt eine sehr breite Aufgeschlossenheit für Jagd 4.0. 30 Prozent sind sehr und weitere 43 Prozent ziemlich interessiert, macht in Summe eine Positivhaltung von 73 Prozent in der Jägerschaft aus. Besonders begeistert sind die jungen und mittleren Altersgruppen, die eher aktiveren Jäger sowie die Jäger aus einem urbanen Umfeld.

 

Große Aufgeschlossenheit für neue jagdliche Werkzeuge

 

Diese hohe Aufgeschlossenheit den neuen jagdlichen Werkzeugen gegenüber spiegelt sich in einem breiten Interesse an den konkreten Angeboten wider. Besondere Aufmerksamkeit und die Absicht es selber zu nutzen findet sich bei bleifreier Munition, dem Schalldämpfer, dem Vakuumiergerät für Wildbret und der Nachtsicht und Zieltechnologie. Jeder vierte Jäger in Österreich gibt eigene Erfahrung mit „Nachttechnologie“ zu Protokoll. Es ist davon auszugehen, dass in Österreich ca. 15 bis 20 Prozent der Jäger Zugang zur Nachtjagd mittels moderner Restlicht- oder Wärmebildtechnologie hat. Das wären bei vorsichtiger Schätzung zumindest 20.000 Nachtsicht-(und vermutlich auch Zielgeräte) in den österreichischen Jägerhaushalten. Ein weiteres Drittel der österreichischen Jäger hat massives Interesse an der Nachttechnologie, ist also anschaffungsbereit. Diese Technologie (mit starker Auswirkung auf den Wildlebensraum) ist längst auf dem Weg zur Grundausstattung eines modernen Jägers. Der Schalldämpfer wird ab Herbst in Österreich legalisiert, das Interesse daran ist unter Jägern enorm. 

 

Auch Vakuumiergeräte stehen hoch im Kurs, was vermutlich auf die Absicht einer professionelleren Wildbret-Direktvermarktung hinweist – durchaus ein sehr positiver Aspekt der Jagd 4.0. Der „digitale Jagdhund“ ist im Kommen. Drohnen erfreuen sich großer Aufmerksamkeit; kombiniert mit Wärmebild lässt sich da sicher was machen. Und wenn der Jagdhund nicht ordentlich abgeführt ist, dann hilft wenigstens modernste GPS-Ortung über seine Halsung.

 

Jagd-Optik ist ebenfalls ein Feld der Jagd-Hochtechnologie. Laserentfernungsmessung, die Berücksichtigung des Schusswinkels und Weitschussballistik stehen grundsätzlich zur Verfügung und sind bereits im Einsatz. Bemerkenswert ist allerdings, dass viele Jäger die integrierte Entfernungsmessung im Jagdglas oder im Zielfernrohr als Ausstattung des Zukunftsjägers sehen, selber aber derzeit nur ungern Schüsse über 150m Distanz machen. 55 Prozent der Befragten Jäger sehen ihre schusshandwerklichen Grenzen bei ca. 150m Distanz. Ein Drittel (35 Prozent) schießen an die 250m Marke und nur jeder zehnte Jäger weidwerkt derzeit auch über der 250m Schussdistanz. Die Weitschussmöglichkeit dürfte also den Lebensraum des Wildes wesentlich weniger negativ beeinflussen als die „Nachttechnologien“.

 

Die technologische Entwicklung wird weiter gehen. Möglicherweise steht in Kürze Optik mit Musterkennung zur Verfügung. Eine mittels Smartphone fotografierte Abwurfstange hilft dann möglicherweise dem Jäger 4.0, den „Sepperl“ in der Brunft wiederzuerkennen. 

 

Jagd 4.0 ist nicht aufzuhalten nach Meinung von 83 Prozent der Jäger. Es kommt allerdings darauf an, was man daraus macht.

 

Es kommt drauf an, was man daraus macht

 

Die Mittel, die der Zukunftsjäger, bei der Jagd einsetzen kann, haben oft mit dem edlen Weidwerk der guten alten Zeit wenig zu tun – so hat es Prof. Klaus Hackländer im Rahmen des Wildtierforums in Baden-Württemberg sehr treffend formuliert. Wir Jäger müssen aufpassen, dass wir uns nicht durch die neuen technologischen Möglichkeiten zu Wildtiermanagern, und Schädlingsbekämpfern degradieren. Der Kampf gegen Schwarzwild mit Nachttechnologie ist hocheffizient, wie es allerdings dabei um den jagdlichen Erlebniswert bestellt ist, bleibt fraglich. Deshalb darf der technologie- und innovationsverliebte Jäger 4.0 sein Kernmotiv an der Jagd nicht aus den Augen verlieren. Jagd ist das wahrscheinlich intensivste Naturerlebnis und dieses sollte modernsten Jagdtechniken nicht geopfert werden.

 

 


Dokumentation der Umfrage:

P.Z2603.1803.P4: Online Befragung unter 687 Jägern in Österreich und Deutschland;

Befragungszeitraum vom 9. April bis 7. Mai 2018, Sample wurde Strukturgewichtet

 

 




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Ihre Ansprechperson

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
Institutsvorstand und Geschäftsführer