Chronologie zur Nationalratswahl 2019 – eine Nachlese

Eine spannende Nationalratswahl liegt hinter uns – und einiges hat sich getan in den letzten Wochen und Monaten. Gemeinsam mit dem STANDARD haben wir die politische Landschaft in Österreich bis knapp 2 Wochen vor der Wahl beleuchtet, hier ein kurzer Rückblick:

 

Als Ausgangslage für die Nationalratswahl vom vergangenen Sonntag wird natürlich die Wahl aus dem Herbst 2017 herangezogen und über die Effekte von Ibiza, Schreddern, Greta Thunberg, Spesen und Co diskutiert.

 

 

Wobei im Rückblick zu beachten ist, dass in der politischen Landschaft zwischen dem 15. Oktober 2017 (Wahltag) und dem 17. Mai 2019 (Veröffentlichung des Ibiza-Videos) schon jede Menge Verschiebungen stattfanden – z.B. durch die knapp 1 ½ jährige Regierungs-Zusammenarbeit zwischen ÖVP und FPÖ, die diversen „Einzelfälle“ in der FPÖ, die Wechsel der Parteispitzen bei SPÖ und Neos oder der wenig harmonische Eindruck der Liste Pilz/Jetzt inklusive Rücktritt und Rückkehr des Listengründers. In diesen Auszügen sehen Sie ein Stimmungsbild aus dem April 2019:

 

In der Wählerstruktur war somit der tiefe Graben zwischen ÖVP/FPÖ-WählerInnen und dem Lager der SPÖ spürbar – und damit die (trotz Ibiza) schwierige Ausgangssituation für die SPÖ…

 

Die letzte market-Erhebung in der Woche vor „Ibiza“ zeigt für die ÖVP bereits leichte Zugewinne im Vergleich zur Wahl 2017 (33 Prozent), die SPÖ lag mit 27 Prozent stabil, die FPÖ hatte sich mit 24 Prozent etwas unter dem Niveau von 2017 eingependelt und sowohl Neos als auch Grüne lagen mit 6 Prozent über der 4-Prozent-Hürde, die für die Liste Jetzt außer Reichweite schien.

 

Knapp drei Wochen später war die politische Welt in Österreich eine andere – Ibiza, die EU-Wahl und vor allem auch die Reaktionen der Parteien darauf hinterließen massive Spuren; unsere Hochrechnung aus der ersten Juni-Woche 2019:

 

ÖVP: 38

SPÖ: 22

FPÖ: 19

Grüne: 10

Neos: 9

Liste Jetzt: 1

 

Knapp vier Monate vor der Wahl ließen die Daten schon recht gut das faktische Endergebnis der Nationalratswahl erahnen.

 

Die ÖVP und Sebastian Kurz haben in dieser Situation den besten Eindruck hinterlassen, wieder ein kurzes Stimmungsbild zum ÖVP-Chef – die Daten kommen aus der Messung vor der Ibiza-Affäre (Mai 2019) und unterstreichen das hohe Vertrauen der ÖsterreicherInnen in den ÖVP-Spitzenkandidaten:

 

 

In den Sommermonaten sank die Zustimmung für die ÖVP etwas ab, die niedrigste Zustimmung zur ÖVP zeigten unsere Daten mit Anfang September (34 Prozent), knapp zwei Wochen vor der Wahl war bereits leichter Aufwind für die Türkisen spürbar – die ÖVP lag in unserer letzten Prognosen bei 35 Prozent. Diese Erhebung fand vor dem medialen Bekanntwerden der Spesen-Affäre rund um HC-Strache statt – von dem die ÖVP noch profitieren konnte: Vor dem Skandal nannten zwei Drittel der FPÖ-WählerInnen die ÖVP als Alternative zur bevorzugten Partei – durch die Spesen-Affäre hat die FPÖ Stimmen ins Lager der Nichtwähler und zur ÖVP verloren.

 

Die SPÖ konnte, wie schon die Hochrechnung Anfang Juni verdeutlichte, kein Kapital aus den Problemen der Freiheitlichen schlagen – im Gegenteil, die Stimmungskurve bei den SPÖ-WählerInnen zeigte im Sommer nach unten, dies verdeutlicht die Optimismuskurve (wie optimistisch blickt man in die Zukunft?):

 

 

Ein kurzer Blick weiter zurück: Mit Angelobung von ÖVP und FPÖ erreichte die Stimmung bei den WählerInnen dieser beiden Parteien den Höhepunkt – während die Stimmung bei den ÖVP-PräferentInnen durchgehend auf sehr hohem Niveau (immer über der 50-Prozent-Marke) lag, gab es bei den FPÖ-Fans bereits einige Stimmungsdämpfer; nach dem Desaster rund um Ibiza war die Stimmung wieder im Anstieg – bei der SPÖ kehrte nach einem kurzen Hoch rasch wieder ein spürbar vorsichtigeres Zukunftsbild ein.

 

Ein paar Meinungen zur SPÖ: Die SPÖ ist aus der Sicht der WählerInnen eine Partei mit großen Verdiensten und unverzichtbar in der Politlandschaft Österreichs – punktet also (neben thematischen Stärken in der Arbeitnehmer-Vertretung) vergangenheitsbezogen und benötigt frischen Wind im Kampf um junge WählerInnen!

 

Durchaus skeptisch waren die SPÖ-PräferentInnen bei der inhaltlichen Zusammenarbeit mit der FPÖ in der Phase als im Parlament das freie Spiel der Kräfte herrschte:

 

 

Kommt man auf die Wahlmotive zu sprechen (hier haben wir drei Erhebungswellen mit insgesamt fast 2.500 Interviews zusammengefasst), so artikulieren die ÖVP-WählerInnen klare Begründungen (ÖVP soll in die Regierung und den Kanzler stellen, Arbeit fortsetzen), die SPÖ-WählerInnen sind in der Argumentation spürbar zaghafter (niedrigeres Nennniveau). Als Argument (vor der Spesen-Affäre) für die FPÖ nannten die WählerInnen das Themensetting und die Fortsetzung der Arbeit in der Regierung als Themen, die Neos punkteten mit frischem Wind und neuen Lösungen und die Grünen punkteten durch die „Friday for future-Stimmung“ im Land: War 2017 noch das Thema Integration das Hauptthema, so war dies 2019 ganz eindeutig die Umwelt – ein Thema, in dem die Grünen sehr glaubwürdig und gut aufgestellt sind und den Grünen (neben dem Wunsch, die Grünen zurück im Parlament zu sehen) in die Karten gespielt hat – wie beispielsweise auch die weltweiten Umwelt-Kundgebungen zwei Tage vor der Wahl.

 

 

Zwei Wochen vor der Nationalratswahl schätzen wir die Stimmungslage in unserer Hochrechnung (veröffentlicht am 20. September 2019) so ein:

 

Die ÖVP konnte in den letzten Tagen – zulasten der FPÖ – noch von der Spesenaffäre profitieren; das historisch schlechteste Ergebnis der SPÖ war bereits seit Wochen absehbar, so wie auch bei den Grünen die Verdreifachung des 2017-er Ergebnisses, die Zuwächse bei den Neos und das Scheitern der Liste Jetzt. Das Ergebnis der Grünen lag über unserer Prognose – im Gegensatz zu vorangegangenen Wahlen haben die Grünen 2019 im Finish nicht in Richtung SPÖ verloren und hat auch der weltweite „Earth Strike“ am 27. September noch bei der Mobilisierung geholfen.




Bei Interesse an unserer Studie oder bei diversen Fragen stehen wir gerne und jederzeit zur Verfügung. Wir freuen uns auf Ihre Anfrage!

Ihre Ansprechperson

Prok. Dr. David Pfarrhofer
Institutsvorstand von market