Rotwildüberwinterung: Füttern oder nicht Füttern?

Der letzte Winter gab Anlass zu heftigen Diskussionen über die richtigen Überwinterungsstrategien für Rotwild. Denn einerseits wird zunehmend eher von forstlicher Seite über die Reduktion und sogar Auflassung von Winterfütterungen nachgedacht und andererseits werden diesen Überlegungen häufig die „Ausrottungsabsicht“ des Rotwildes unterstellt. Es kracht gewaltig im Gebälk der Rotwildjagd.

 

Vor diesem spannungsgeladenen Hintergrund ist einer brandaktuellen empirischen Studie (Masterarbeit an der BOKU-Wien), durchgeführt von Palmira Deißenberger, besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Sie hat unter wissenschaftlicher Leitung von Friedrich Reimoser, Institut für Wildtierbiologie und Jagdwirtschaft, fachlicher Betreuung von Fritz Völk und mit marktforscherischer Unterstützung durch Werner Beutelmeyer, das Reizthema „Rotwildfütterung versus Fütterungsauflassung“ auf den Punkt gebracht 1).

 

Es steht außer Zweifel, dass Rotwild eine faszinierende, hochsensible, enorm lernfähige Wildart ist, die als wertvolles Kulturgut des Alpenraums einen respektvollen, mit hoher Fachkenntnis gepaarten Umgang, verdient 2). Nicht nur für viele Jäger ist Rotwild etwas Einzigartiges und eine besondere jagdliche Herausforderung, auch die breite Bevölkerung, besonders die urbane verehrt das Rotwild, als eine heimliche, respekteinflößende, aristokratische, edle Wildart 3).

 

Wie steht es nun um unser Rotwild? Wieviel Rotwild zieht Fährte durch Österreichs Wälder? Eine recht simple Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist. Beispielsweise kennen wir den aktuellen Bestand in Österreich gar nicht. Noch weniger finden sich konkrete abgesicherte Zahlen zur Bestandentwicklung. Wir sind also nicht in der Lage eine saubere Trendanalyse zur Bestandsdynamik zu machen.

 

Dennoch ist die öffentliche Panikmache, dass für Rotwild in Österreich eine „Ausrottungsgefahr“ bestünde, wohl eindeutig übertrieben. Handfestes Zahlenmaterial gibt es über den getätigten Abschuss in Östereich und dieser hat sich in den letzten hundert Jahren etwa vervierfacht. Mit anderen Worten: Im Sterbejahr des leidenschaftlichen Jägers Kaiser Franz Josef lag der Rotwildabschuss jährlich ca. bei 15 Tsd Stück. Gut hundert Jahre später wurden auf dem Gebiet der Republik Österreich etwas mehr als 61.500 Stück Rotwild erlegt, also vier Mal so viel. Möglicherweise wurde vor rund hundert Jahren weniger jagdlich entnommen. Aber - andererseits lässt die Trendentwicklung, also die Zahlenreihe der Jagdstrecke beim Rotwild, unmissverständlich einen kräftigen Anstieg beim Bestand erahnen, denn würde dieser nicht dementsprechend steigen, könnte man nicht jene Abschusszahlen verzeichnen (siehe Abbildung 1).

 

 

Zwei prägnante Wachstumsphasen fallen auf. Zwischen 1955 und 1975 ist ein steiler Anstieg unübersehbar. Nach einer Seitwärtsbewegung bis ins Jahr 2000, geht die Rotwildjagdstrecke die letzten 18 Jahre fulminant nach oben.

 

Zunächst einmal: Von einer Ausrottungsgefahr kann keine Rede sein. Haben wir möglicherweise zu viel Rotwild vor allem in unseren alpinen Lagen? Ist uns die jagdliche Bestandsregulierung entglitten? Hat der „moderne“ Jäger, trotz vielfältiger High Tech Mittel ein jagd-handwerkliches Problem beim Rotwild?

 

Konkrete Antworten auf diese Fragen haben 360 Fachleute aus den Bereichen Jagd und Forst (Berufsjäger, Jäger, Jagdfunktionäre, Jagdleiter, Waldeigentümer und Förster) gegeben, die im Spannungsfeld der Rotwildüberwinterung stehen. Ihre Einschätzung der Lage sollte nachdenklich stimmen.

 

65 Prozent und damit knapp zwei Drittel stimmen der Aussage zu, dass der Rotwildbestand zu hoch ist und reduziert werden sollte. Ein bemerkenswertes Ergebnis, weil sich Jagd und Forst hier einig sind. Auffällig ist eine recht unterschiedliche regionale Betroffenheit, demnach dürfte die Bestandsproblematik besonders in Kärnten und Oberösterreich Sorgen machen. Niederösterreich markiert die Ergebnismitte. Die Steiermark sowie westösterreichische Bundesländer dürften ihren Rotwildbestand und die Bestandszunahme besser im Griff haben (siehe Abbildung 2).

 

 

Eine Ergebniskorrelation zur Fütterungs-Praxis zeigt sich. Wintergatter vereinfachen signifikant das Rotwildbestandsmanagement. Es besteht allerdings die berechtigte Frage, ob Rotwild, das über die Hälfte seines Lebens im Gatter gehalten wird und zum großen Teil in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Menschen und dessen Winterfütterung steht, noch als Wildtier zu bezeichnen ist.

 

Unzufriedenheit mit der Fütterungspraxis geht einher mit einem als zu hoch eingestuften Rotwildbestand.

 

Verständlich, dass gut die Hälfte der befragten Fachleute (53 Prozent) die Rotwildüberwinterungsstrategie in den letzten 5-10 Jahren verändert haben. Davon haben 68 Prozent die Fütterung eher extensiviert und 32 Prozent haben sie intensiviert. Am meisten wurden Fütterungsintensivierungen in Salzburg, Vorarlberg und Tirol aktuell vorgenommen. Erfahrungen mit Extensivierungen wurden vor allem in Kärnten, Oberösterreich und Niederösterreich gemacht. Die Ergebnisse der Steiermark stechen heraus, weil hier am allerhäufigsten keine Veränderung der Überwinterungsstrategie durchgeführt wurde. Die Veränderung der Fütterungspraxis hat gemischte Bewertungen produziert. Auffällig ist, dass Fütterungsintensivierungen im statistischen Schnitt deutlich besser bewertet wurden als Extensivierungen, hier lassen sich auch gewisse Schwierigkeiten in der Durchführung erkennen. Doch nicht die Extensivierung, sondern die (generelle) Auflassung der Rotwild-Winterfütterungen stellen die besondere Herausforderung dar.

 

Die Fütterungsauflassung wird generell wesentlich kritischer bewertet als die Extensivierung. Die Mehrheit der Befragten (61 Prozent) hat bereits Erfahrungen mit Fütterungsauflassung gemacht. Hierbei überwiegen die negativen Erfahrungen (33 Prozent) den positiven leicht (28 Prozent). Es wird vor allem ein beträchtliches Risiko von Schäl- und Verbiss-Schäden, bei hohen Schneelagen bzw. bei Störung angeführt. Gleichzeitig führt Fütterungsauflassung üblicherweise zu einer Verlagerung der Schäden. Einigkeit herrscht unter den Befragten, dass eine Rotwildfütterungsauflassung nur mit zusätzlichen Begleitmaßnahmen durchführbar ist. Die meisten Nennungen betreffen das weitgehende Erlegen des Fütterungsbestandes auf ein Winterlebensraum verträgliches Maß. An zweiter Stelle der Maßnahmenliste steht das Umlenken und Aufteilen des Fütterungsbestandes an andere Fütterungen. Eher weniger spricht man sich für eine kontinuierliche Reduktion der Futtermittel über einen festgesetzten Zeitraum aus (siehe Abbildung 3).

 

Zwei Kernmotive für Fütterungsauflassungen werden ins Treffen geführt. Einerseits geht es um Wildlenkung und die Schadensreduktion an der Waldvegetation durch ungünstig platzierte Fütterungen und andererseits soll die Wildkonzentration für den Standort gesenkt werden, da diese als zu hoch eingeschätzt wird. Und natürlich gibt es auch eine Fütterungs-Kosten-Tangente.

 

 

Die Frage, Wenn Sie in ihrem Betrieb von einer artgerechten Rotwildfütterung auf „nicht mehr füttern“ umstellen, was würde sich aus ihrer Sicht ändern? Ergibt folgende Situationseinschätzung: Über die Hälfte (59 Prozent) sind der Meinung, dass der Rotwildbestand abnehmen würde. Gleichzeitig erhöht sich aber das Schadensrisiko für den Wald (siehe Abbildung 4).

 

 

Rotwild braucht keine Winterfütterung: Dieser Zugang besteht durchaus in der Schweiz, Liechtenstein und zum Teil auch in Italien. Die provokante Programmfrage lautet daher: Wie steht man zu einer generellen Fütterungsauflassung für Rotwild im Ostalpenraum?

 

Darauf resultiert eine klares Meinungsbild. Die überwiegende Mehrheit (63 Prozent) hält eine ostalpenweite Fütterungsauflassung für nicht sinnvoll. Wobei Förster (49 Prozent) dieser Idee am wenigsten Abneigung gegenüber zeigen (siehe Abbildung 5).

 

 

Man ist sich einig, dass eine generelle Fütterungsauflassung im Ostalpenraum und hier vor allem in Österreich derzeit kaum realisierbar ist, die Lebensräume sind für eine freie Überwinterung wenig geeignet und damit wäre das Schadenspotential bei den aktuellen Rotwild-Wilddichten enorm. Die Schaffung von Rotwildwinterlebensraum ist eine Maßnahme die für viele als Voraussetzung für großräumige Fütterungsauflassungen gesehen wird. Neben der Faktenlage ist zudem die Emotionsbehaftung dieses Themas nicht zu unterschätzen, besonders die gesellschaftliche Akzeptanz einer solchen Maßnahme ist derzeit mehr als fraglich.

 


 

1) Palmira Deißenberger; Rotwildfütterung versus Fütterungsauflassung – Chancen und Risiken verschiedener Rotwild-Überwinterungssysteme – Ergebnisse einer Umfrage, Masterarbeit an der BOKU; Wien 2019

 

2)Franz Mayr-Melnhof-Saurau; Rotwildreferent „Jagd-Österreich“

 

3) Werner Beutelmeyer; Das Image der Jagd und die Anmutung der Wildarten

 

 

 





Bei Interesse an unserer Studie oder bei diversen Fragen stehen wir gerne und jederzeit zur Verfügung. Wir freuen uns auf Ihre Anfrage!

Ihre Ansprechperson

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
Institutsvorstand und Geschäftsführer