Ein halbes Jahr CORONA in Österreich

Das letzte halbe Jahr in Zahlen gegossen zeigt eine bemerkenswerte Sensibilität der öffentlichen Meinung. In der KW 14, also Ende März war die Corona Betroffenheit am allergrößten. Die Angststimmung und Ansteckungssorge hat etwa sechs Wochen angehalten. Inzwischen hat sich die Corona-Angst auf ein verhältnismäßig niedriges Niveau eingepegelt. Die Sorge um Wirtschaft und Arbeitsplatz ist seit der KW 18, also seit Ende April, tendenziell höher als die gesundheitliche Ansteckungsangst. Mit anderen Worten: Inzwischen übertreffen die existenziellen Sorgen gesundheitlichen Ängste. Der Wiederanstieg der Infektionszahlen im Sommer schlägt sich in der emotionalen Angstskala nicht nieder.

 

In der dritten Woche der Ausgangsbeschränkungen finden sich in den Umfrageergebnissen erstmals Hinweise auf eine abgeschwächte „Feel Good“ Bewertung. Von der Vorwoche auf diese Woche hat sich die Haltung „ich komme sehr gut zurecht mit den Einschränkungen“ von 47 auf 38 Prozent etwas abgeschwächt. Ausmisten, Putzen, Kochen und Internet stehen am Tagesprogramm ganz vorne.

 

 

Der derzeitige Alltag fordert. Es wird mit Eifer ausgemistet, zusammengeräumt und geputzt. Die Wiederentdeckung des gemeinsamen Kochens verbindet in der Familie. Genereller Corona-Freizeit-Problemlöser ist das Internet. In dieser Krise wird offenkundig viel mehr im Internet gesurft als sonst üblich.

 

Spannend: Online Shopping liegt bereits gleichauf mit dem Sport.

 

Zeit für mehr Zärtlichkeit nehmen sich jetzt immerhin 13 Prozent. Wie sehr die ohnehin darniederliegende Geburtenrate davon profitiert wird am Jahresende ersichtlich.

 

 

Die Mehrheit der ÖsterreicherInnen ist ziemlich unverändert der Meinung, dass wir in unserem Land das Coronavirus alles in allem unter Kontrolle haben. Diese Zuversicht findet Niederschlag in der unverändert positiven Bewertung des Corona-Managements durch die Regierung. Die Zustimmung zu den Maßnahmen der Landeshauptleute ist gesunken. Noch vor zwei Wochen bewerteten 38 Prozent der Bevölkerung die Landeshauptleute mit sehr gut für ihr Corona-Management. Aktuell sind dies nur mehr 29 Prozent, wobei die Streuung der Werte von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich sind. Die persönliche Einhaltung der auferlegten Maßnahmen erfolgt ziemlich strikt (97 Prozent). Bezogen auf den gestrigen Tag waren 49 Prozent nicht draußen, 40 Prozent haben Abstand gehalten, Menschenansammlungen werden gemieden und Händeschütteln sowie umarmen sind nahezu gänzlich tabu.

 

Was sich im Vergleich zur letzten Woche besorgniserregend verändert hat – ist die zunehmende Erkenntnis, dass nach der Corona-Krise eine ziemlich tiefe Wirtschaftskrise kommen wird. Die Befürchtung einer länger andauernden Wirtschaftskrise ist in nur einer Woche von 61 auf 75 Prozent angestiegen. Der Anteil der Wirtschaftsoptimisten macht derzeit nur mehr 25 Prozent aus, dass ist keine Kritik an die Wirtschaft bzw. an den Unternehmen.

 

Viele Berufstätige sind mit ihrem Arbeitgeber in diesen schwierigen Zeiten besonders zufrieden und zwar trotz Kurzarbeit und anderen Einschränkungen. Es wird befürchtet, dass es zu einschneidende Reallohn- und damit Kaufkraftverlusten kommt. Diese Vorahnung erscheint plausibel – den der Zeitpunkt zum Hochfahren des Wirtschaftsmotors rückt eher in die Ferne, je mehr die Infektionszahl von Tag zu Tag in die Höhe schnellt.

 

Die ÖsterreicherInnen sehnen sich nach Verwandtschaftsbesuchen, Stammbeisln und Shoppen ohne Maske. Für den Sommerurlaub gibt es erste vage Ideen. Das ergab eine Market-Umfrage für das Wirtschaftsmagazin Trend. Über 40 Tage Corona-Isolation bedeuten im Vergleich zum gewohnten Leben davor Entbehrungen auf vielen Ebenen. Am meisten fehlen den ÖsterreicherInnen die Treffen mit Verwandten oder mit Freunden im Stammlokal beziehungsweise zum Party machen: 79 bzw. 60 Prozent sagen, dass ihnen diese sozialen Aktivitäten „sehr stark“ bzw. „stark“ fehlen. Party-Entzug ist bei den Unter-30-Jährigen ein deutlich größeres Thema als bei den Älteren, denn wiederum der Verzicht auf den Verwandtenbesuch besonders schwer fällt. Und auch wenn die Einkaufsmöglichkeiten inzwischen zugenommen haben und weiter zunehmen werden, ist für 58 Prozent der Befragten das Masken-Erlebnis kein Ersatz. Sie sehnen sich nach „normalem“ Einkaufen ohne Mund-Nasen-Schutz, Quadratmeterbeschränkungen und strikten Abstandsregeln. Eben so sehr kommt die eigene Bewegung zu kurz: Der Entfall von Champions-League-Matches oder Dominic-Thiem-Spielen im Fernsehen wird als weniger schmerzhaft empfunden als die Corona-bedingte Reduktion eigener Sport- und Fitness-Aktivitäten.

 

 

Als gäbe es nur noch ein Thema, empfinden es immer mehr Österreicher. 38 Prozent sind von der omnipräsenten Corona-Berichterstattung inzwischen genervt.

 

Am allermeisten stört allerdings, dass man seine Freunde derzeit nicht treffen kann (54 Prozent). Der zuletzt aufkeimende politische Zwist über die Richtigkeit der gesetzten Maßnahmen macht ebenfalls kein gutes Bild. Stark bedauert wird der fehlende Kontakt zu den Großeltern. Ein Drittel sorgt sich um die Zukunft Österreichs. Die mangelnde Möglichkeit eines Friseurbesuchs nervt mehr als die Unmöglichkeit Ostern wie gewohnt zu feiern. Weh tut auch, dass das derzeit herrliche Frühsommer-Wetter nicht so richtig genutzt werden kann. Dennoch herrscht kein „Lagerkoller“ ob der Ausgangsbeschränkungen, sondern ein gutes Zurechtkommen damit, zeigen die Trenddaten.

 

 

Dass die Regierung einen auszeichneten Corona-Job macht steht auch in der vierten Woche der Ausgangsbeschränkungen völlig außer Zweifel. Dass man hierzulande das Coronavirus sehr gut oder zumindest gut im Griff hat verstärkte sich seit letzter Woche (50 Prozent) um enorme 25 Prozent (auf 75 Prozent). Und die Meinung, dass wir hier in Österreich die Krise besser im Griff haben als im übrigen Europa hat sich weiter verdichtet (von 70 auf 78 Prozent).

 

Die große Sorge, dass trotz der allmählichen Lockerungsmaßnahmen, es in Österreich zu einer tiefen Wirtschaftskrise kommen wird, hat sich nicht zerstreut.


Und noch eine Sorge tut sich auf. Nach Corona gibt es auch eine Europa-Identitäts-Krise. So wie die EU hier unkoordiniert agiert bzw. nationale Alleingänge zugelassen hat, sind die ÖsterreicherInnen der Ansicht, dass schwere Zeiten auf das gemeinsame Europa zukommen werden.

Der Corona-Virus hat vor allem im Europabewusstsein einen schweren Schaden angerichtet und möglicherweise ein Politikresistentes Anti-Europa-Gen produziert. Wie dieses neue Misstrauen besiegt werden kann, dürfte eine politische Herkulesaufgabe werden.

 

Eindeutiger Gewinner der Corona Abwehr ist das vieldiskutierte und kritisierte österreichische Gesundheitssystem. Im market Vertrauensranking nimmt das österreichische Gesundheitssystem mit 68 Prozent Zustimmung den Platz eins ein. Das Gesundheitssystem überrundet damit sogar die Bundesregierung, den Bundeskanzler und den Vizekanzler.

 

Hervorragendes Vertrauen genießen auch die eigene Wohngemeinde sowie die Arbeit von Polizei und Bundesheer. Ebenfalls im Spitzenfeld des Vertrauensrankings befindet sich der Bundespräsident. EU, Medien und Opposition konnten offenkundig die Corona-Krise am wenigsten zur eigenen Vertrauens-Profilierung nutzen.

 

Die österreichische Bevölkerung ist im internationalen Vergleich sehr zufrieden mit dem Corona-Handling – erreicht fast chinesisches Niveau in Sachen Corona-Pflichtbewusstsein.

 

In 15 ausgewählten Ländern rund um den Globus wie z.B. China, Japan, Süd-Korea und Indien, in den USA, Australien und natürlich auch in europäischen Ländern wie UK, Polen, Türkei und Österreich hat market gemeinsam mit seinen Partner-Instituten im größten Netzwerk unabhängiger Marktforscher (Iris) in den ersten beiden April-Wochen repräsentative Erhebungen zur Corona-Stimmungslage durchgeführt.

 

Und: Die ÖsterreicherInnen sind im internationalen Vergleich sehr zufrieden mit der Performance im eigenen Land.

 

Das Bedrohungsszenario von Corona wird rund um den Globus recht ähnlich eingeschätzt, zumeist zeigt sich etwa ein Viertel der Bevölkerung „sehr besorgt“ über Corona – in Österreich sind es 23 Prozent, in China 24 Prozent und in den USA 29 Prozent. Überdurchschnittlich besorgt ist man in Großbritannien und in Indien – mit 35 Prozent bzw. 40 Prozent sind deutlich mehr Menschen in großer Sorge wegen Corona.

 

Obwohl in Österreich im Vergleich mit vielen anderen Ländern recht strenge Maßnahmen verhängt wurden, gehen Herr und Frau Österreicher sehr entspannt mit der Situation um.

 

Ein Viertel der ÖsterreicherInnen zeigt sich absolut entspannt, was die soziale Situation anlangt – nur in Irland ist man ähnlich positiv gestimmt wie in Österreich. Deutlich weniger gut kommt man mit der Isolation in Polen oder der UK zurecht, noch dramatischer die Stimmungslage in Süd-Korea. Ein Aspekt, der in Österreich besonders gut funktioniert, ist der soziale Zusammenhalt – wie man auch bei der Lust auf regionales Shoppen feststellen kann – Österreich ist in dieser Disziplin fast „Weltmeister“:

 

Generell ist man in Österreich der Ansicht, dass sowohl die Bevölkerung als auch die Regierung mit dieser außergewöhnlichen Situation sehr gut umgegangen ist – nur die chinesische Bevölkerung ist hier noch etwas überzeugter vom Zugang von Regierung & Bevölkerung. Besonders kritisch ist hingegen die Stimmungslage in Japan, aber auch in den USA und im Vereinigten Königreich – also in Ländern, in denen erst vergleichsweise spät konsequente Maßnahmen gesetzt wurden.

Die österreichische Bevölkerung hält eine zweite Corona-Welle für ziemlich wahrscheinlich. Deshalb stehen vier Fünftel auch weiter zu den bisher auferlegten Maßnahmen und stufen diese als sehr sinnvoll ein. Die zentrale Sorge ist jedoch nicht mehr die Bewältigung von Corona sondern die Aufarbeitung der schweren Schäden in der Wirtschaft.

 

Wann die zweite Corona-Welle kommt, wissen wir nicht, aber die Bevölkerung hält eine zweite Pandemie-Welle für äußerst wahrscheinlich.

 

Nicht vorstellbar ist eine solche zweite Welle hinsichtlich der Auswirkungen auf die Wirtschaft, denn die Bewältigung von Corona wird inzwischen als deutlich weniger herausfordernd angesehen, als die Ankurbelung der Wirtschaft und die Absicherung der Arbeitsplätze. Und dass noch einiges in nächster Zeit auf die Wirtschaft zukommen wird, versprechen die Ergebnisse auf Fragen nach dem Konsum- und Investitionsverhalten. So planen derzeit 35 Prozent der ÖsterreicherInnen aufgrund von Corona heuer weniger Konsumausgaben zu tätigen. Die Hoffnung, dass während der Ausgangsbeschränkungen aufgestauter Konsum und Investitionen nachgeholt werden, kann aus heutiger Sicht nicht erfüllt werden.

 

Einige Milliarden Euro werden der österreichischen Wirtschaft heuer abgehen. Verständlich, dass die Einschätzung, wie gut es um die österreichische Wirtschaft derzeit bestellt ist, äußerst kritisch ausfällt. Die Note sehr gut bzw. gut wird nur von 19 Prozent vergeben, hingegen finden sich auf den Noten vier und fünf 44 Prozent. Das sind ziemlich düstere Aussichten für die Wirtschaft und damit stellt die zukünftige Wirtschaftsherausforderung das Corona-Thema längst in den Schatten.

 

 

 

 





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Ihre Ansprechperson

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
Institutsvorstand und Geschäftsführer