Wild macht Jagd: Über die Trophäen-Eitelkeit und das vernachlässigte Wild

Hohe jagdliche Wertschätzung des Wildes bewirkt positiven Ruf der Jagd

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer

 

Es gibt sie immer wieder, die Enttäuschten und Unzufriedenen mit dem erlegten Stück. Das erbeutete Wild erfüllt nicht die Ansprüche des Jägers. Und er zeigt die Geringschätzung augenblicklich: Würdigt die erlegte Bache keines Blickes auf der Strecke, jammert über den Kümmerer und meint damit vor allem die schwache Trophäe. Häufige (Vor-)Urteile - zu jung, nur weiblich, zu schwach, zu wenig Kapital und dazu noch die Jagdsituation zu aufwendig. War halt nur ein Gamskitz, eigentlich wollte ich den kapitalen alten Bock, also 10 Jahre plus und möglichst mit über 100 CIC-Punkten.

 

Gerade der Trophäenkult verstellt bei so manchem Jäger den Blick auf das Ganze, also die Jagd, das Naturerlebnis und das erlegte Stück Wild. Und natürlich auch auf den Gesamtabschuss. Wenn Kahlwild emotional eher wenig wert ist, dann schießt man es auch weniger. Schließlich lässt sich da nichts stolz herzeigen oder an die Wand nageln.

 

Doch zurück zum Thema: Was ist der Wert des Wildes und hat sich der Wert des Wildes möglicherweise auch verändert? In so mancher bäuerlicher Genossenschaftsjagd ist Jagdwert gleich Pachtpreis und zwar gekoppelt mit dem Kilo-Wildbretpreis. Dieses simple und für den Pächter äußerst attraktive Rechenmodell funktioniert nicht, wo mit starker Jagd-Nachfrage zu rechnen ist. Jagd-Wert geht dann weit über den Wildbretpreis hinaus. Angebot und Nachfrage bestimmen, was jemand bereit zu zahlen ist, um möglichst ungehindert (frei) seiner Jagdleidenschaft nachgehen zu können.

 

Doch wie sieht das die Bevölkerung? Hier hat sich die Wertigkeit des Wildes stark verändert. Der moderne Urbane liebt die Natur und damit auch das Wild ganz besonders. Er setzt auch völlig andere Prioritäten, das Bambi ist mindestens gleichwertig wie der kapitale Hirsch. Und die großen pelzigen Beutegreifer wie Luchs, Bär und Wolf werden mit Bewunderung versehen und deren Rückkehr in unsere Wälder gefeiert. Spätestens hier zeigt sich, dass der Wert des Wildes recht unterschiedlich bemessen wird. Und dass es zunehmend Druck auf die Jagd gibt, weil es den Anschein hat, dass der moderne urbane Mensch das Wild eventuell noch mehr liebt als der (Trophäen)-Jäger. Der jagdliche Umgang mit dem Wild wird damit zur Nagelprobe für die Glaubwürdigkeit und das Image der Jagd. Natürlich sitzt ein Mythos tief in der Gesellschaft, nämlich dass sich die Natur bei uns selbst regelt. Die Realität sieht deutlich anders aus bei Fischotter, Biber, Wolf und Co.. Ob und wann es hier zu einem Lernprozess kommt, bleibt abzuwarten.

 

In einer 2016 durchgeführten market-Studie wurde die Anmutung, also das Image von drei Gruppen von „Tierhaltern“ abgefragt. Welchen Eindruck hinterlassen Nutzhierhalter, also Landwirte? Wie werden Menschen beurteilt die Wildtiere managen, also die Jäger? Und welches Bild macht der Kuscheltierhalter?

 

Keine Frage: den besten Ruf genießt der Haustierhalter. Das sind nette sympathische Zeitgenossen. Der Landwirt besticht durch seine Kompetenz, er kennt sich aus bei der Tierhaltung und in der Natur. Nun zum Jäger: hier tun sich zwei Eigenschaften hervor. Er wird als am allerwenigsten sympathisch eingestuft und ernsthaft schlecht bewertet bei der Vertrauenswürdigkeit. Mit anderen Worten: Jäger haben das Image wenig sympathisch und eher unehrlich zu sein. Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit hat viel mit Transparenz und Informationsniveau zu tun. Jäger verwenden ihre eigene, für Außenstehende wenig verständliche Sprache und häufig gilt im Wald auch das Gesetz des Schweigens. Doch Smartphones von Freizeitnutzern bringen bisweilen Transparenz in den dunklen Tann, wie beispielsweise die vielbeachtete unwaidmännische Gamsjagd in Tirol, die es sogar in die Prime Time ZIB geschafft hat.

 

So dürfen wir mit Wild nicht umgehen. Das „Wildwohl“ ist zu einem Thema in der kritischen Gesellschaft geworden. Es braucht vielfach auch einen neuen Zugang der Jagd zu den großen Beutegreifern. Luchsjäger gelten an so manchen Jagdstammtischen als die heimlichen Helden der Jagd, mit fatalen Folgen für den Ruf der Jäger.

 

Die Bedeutung des Wildes für den Jäger im Zusammenhang mit der Psychographie des Jägers. Es gibt nicht den typischen österreichischen Jäger, auch nicht, wenn man statistische Durchschnittswerte berechnet. In einer individualisierten Gesellschaft gibt es stark individualisierte Jäger oder zumindest deutlich unterschiedliche Jägertypen mit recht unterschiedlicher Jagdmotivation und natürlich einem deutlich unterschiedlichen Zugang zum Wild.

 

Beginnen wir mit Typ1 dem "Jagdhandwerker". Für den ist Jagd die primäre Lebensaufgabe und Quell eines tiefen Naturerlebnisses. Er ist tief verwurzelt in der Jagd, im Wildlebensraum und bezeichnend ist das Führen eines fermen Jagdhundes. Er versteht sein Handwerk. Er schätzt Wild sehr und freut sich über die Trophäe. Sie ist aber nicht das Wichtigste. Dieser Jägertyp nimmt zahlenmäßig ab, weil es einen massiven Verlust an handwerklichen Fertigkeiten gibt.

 

Typ2 ist der vernetzte „Effizienzjäger“. Er hat Zeit und Jagd unter einen Hut zu bringen und tut sich zunehmen schwer dabei. Alles was Effizienz steigert ist für diesen Jäger jagdlich erlaubt. Das ist einerseits moderne Technologie, vom Nachtzielgerät bis zur Weitschussballistik, aber letztlich gehört auch die Kirrung dazu. Dieser Jäger ist darüber hinaus sehr vernetzt und die Jagd ist ihm auch ein wichtiges Netzwerkinstrument. Dieser Jägertyp wird zahlenmäßig mehr. Wild ist ihm wichtig. Trophäe ist nur mittelmäßig bedeutsam.

 

Typ3 ist ziemlich neu in unserer modernen Gesellschaft - das ist der „Fleischjäger“. Der Fleischjäger bedeutet gleichzeitig auch eine Rückbesinnung auf ursprüngliche jagdliche Werte. Jagd wegen des Fleisches definiert den Ausgangspunkt der Jagd. Der moderne Fleischjäger ist misstrauischer Konsument und sehr qualitätsorientiert. Wenn ich schon Fleisch esse, möchte ich wissen woher es stammt. Am besten esse ich nur selbst Erlegtes- so könnte das

Credo dieses Jägers zusammengefasst werden. Wild sehr wichtig. Verarbeitung und Zubereitung des Wildbrets sehr wichtig. Trophäe eher unbedeutend.

 

Typ4 ist der „Pseudojäger“. Handwerklich sehr unsicher. Hat wenig Gelegenheit zur Jagd. Wird gerne eingeladen, weil er unterhaltsam ist. Wild ist unwichtig. Trophäe ist unwichtig. Jagdliches Liedwerk und das breite Repertoire an Witzen sind ihm sehr wichtig. Der Pseudojäger ist auch von den jagdlichen Traditionen besonders angetan.

 

Typ5 schlussendlich - der „Trophäenjäger“. Es zählt das Trophäengewicht, die CIC Punkteanzahl, das hohe Alter des erlegten Stückes, das „Abnorme“. Dabei hat dieser Jäger ein gravierendes Dilemma. Je mehr herausragende Trophäen er bereits erlegt hat, desto geringer ist die Befriedigung durch eine zusätzliche Spitzen-Trophäe. Der Grenznutzen sinkt. Trophäe ist im Zentrum. Wild ist eher völlig unwichtig.

 

Je nach Jägertyp ergibt sich ein recht unterschiedlicher Zugang zum Wild und zur Wertschätzung des Wildes. Für das Image der Jagd hat der moderne Effizienz- und der Trophäenjäger die fatalste Auswirkung auf den Ruf der Jagd in der Gesellschaft.

 

Die Zukunft der Jagd liegt im Typ 6- dem „Hoffnungsjäger“. Er ist der in einer (Jagd-) Gesellschaft voll integrierte, der nach bestem Wissen am Abschussplan mitwirkende, der Jäger, der in der Direktvermarktung aktiv ist, bei Schule&Jagd“ bzw. beim Gemeindeferienprogramm mitarbeitet, beim Adventmarkt am Ortsplatz Rehragout verkaufen hilft, selber viel Wildbret isst und auch seine Nachbarn mitversorgt. Der Jäger, der den permanenten Schnittpunkt zwischen Jagd und Gesellschaft bildet, Jagd verständlich werden lässt durch seine Persönlichkeit über die mediale Imagegebung erhaben bleibt.




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Ihre Ansprechperson

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
Institutsvorstand und Geschäftsführer