#MeToo: Jede zweite Frau ist betroffen…

… trotzdem wird das Thema als überbewertet eingestuft.

 

In den letzten Wochen wurde von diversen Fällen von sexueller Belästigung durch Männer in den Medien berichtet (z.B. Peter Pilz in Österreich, Harvey Weinstein in Hollywood). Grund genug, Ausmaß und Meinung über sexuelle Belästigung in Österreich national repräsentativ zu untersuchen.

 

Was das Ausmaß sexueller Belästigung in Österreich betrifft, so geben mehr als vier von zehn Frauen an, bereits sexuell belästigt worden zu sein, darüber hinaus möchten sich weitere 11% nicht dazu äußern. Geht man bei diesem sensiblen Thema davon aus, dass es sich bei diesen 11% Frauen ohne konkretem Kommentar ebenfalls um betroffene, vielleicht sogar um traumatisierte Frauen handelt, so betrifft sexuelle Belästigung praktisch jede zweite Frau. Demgegenüber musste nur etwa jeder fünfte Mann Erfahrungen mit sexueller Belästigung machen. Interessanterweise wurde aber rund die Hälfte der Belästigungen gegenüber Männern auch von Männern begangen.

 

 

Was jedenfalls unter sexueller Belästigung verstanden wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Recht einig ist man sich darüber, dass das absichtliche Berühren im Schritt bzw. an der Brust in jedem Fall darunter fällt. Weitgehende Einigkeit herrscht auch darüber, dass die absichtliche Berührung am Gesäß bzw. am Oberschenkel in jedem Fall unter sexuelle Belästigung fällt. Interessanterweise deckt sich diese Einschätzung zwischen Männern und Frauen. Geschlechtsspezifische Unterschiede werden hingegen bei eindeutigen Blicken auf Körperteile (Dekolleté, Gesäß,…) deutlich. Sexuelle Belästigung beginnt also für ein Drittel der Frauen schon hier, während das nur etwa jeder zehnte Mann so sieht.

 

 

Für rund drei Viertel sind in erster Linie alkoholisierte Männer dazu geneigt, Frauen sexuell zu belästigen. In Hinblick auf gesellschaftliche Subgruppen werden vorrangig Männer in Führungspositionen (Stichwort „Macht“) sowie Männer mit Migrationshintergrund (religiös, kulturell) genannt. Weitere Gruppen von Männern werden von weniger als einem Drittel eingestuft, eine besondere Neigung zu sexueller Belästigung zu haben. Immerhin jeder zehnte Befragte ist der Meinung, dass jeder Mann potentiell gleich stark zu sexueller Belästigung geneigt ist.

 

 

Was sind nun die Gründe dafür, dass medial hauptsächlich von Männern begangene sexuelle Belästigung wahrgenommen wird? Zwei Drittel der Männer und immerhin vier von zehn Frauen sind der Meinung, dass es sexuell belästigten Männern im Vergleich zu Frauen eher egal ist, belästigt zu werden und dass dadurch von belästigten Männern weniger Aufsehen erregt wird. Außerdem sind vier von zehn in Österreich der Meinung, dass Männer sexuelle Belästigung eher als Kavaliersdelikt einstufen, während ein Drittel die körperliche Überlegenheit von Männern als Ursache dafür sieht, dass sexuelle Belästigung viel öfter von Männern begangen wird. Immerhin ein Viertel sieht das reizvolle Äußere von Frauen, jeder Fünfte die hormonell bedingten genetischen Eigenheiten des Mannes als Grund.

 

 

Außerdem wurde noch die Einschätzung danach abgefragt, ob Frauen sexuelle Belästigung für ihren persönlichen Vorteil ausnutzen. Dabei denken fast drei von zehn Männern, dass viele Frauen auch einen persönlichen Vorteil aus einer sexuellen Belästigung ziehen, selbst Frauen sehen dies zu einem knappen Viertel so. Diese Einschätzung nimmt mit steigendem Alter deutlich zu.

 

Das Thema sexuelle Belästigung wird in Österreich im Vergleich zu anderen tagesaktuellen Themen als eher mittelmäßig wichtig und relevant eingestuft. Während rund ein Viertel der Bevölkerung der Meinung ist, die breite Mediendiskussion hilft unserer Gesellschaft weiter, so halten sechs von zehn diese Diskussion für übertrieben. Wenig überraschend reagieren Frauen, aber auch Personen mit höherer Bildung sowie junge und urbane Menschen sensibler auf dieses Thema. Jeder Zehnte hat hier keine klare oder eine andere Meinung.

 

 

Etwa die Hälfte in Österreich schätzt, dass die Häufigkeit sexueller Belästigungen in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben ist. Es besteht zwar in der Bevölkerung immer noch ein leichter Überhang hinsichtlich einer geschätzten Zunahme im Vergleich zu einem Rückgang von sexuellen Belästigungen, dennoch stimmt der Blick auf die jüngste Altersgruppe zuversichtlich für die Zukunft. Denn hier schätzt ein Drittel – in der höchsten Altersgruppe nur ein Fünftel – die breite mediale Aufarbeitung als hilfreich für unsere Gesellschaft ein.

 

 


Dokumentation der Umfrage:

n=409 Online Interviews repräsentativ für die österreichischen Bevölkerung ab 18 Jahren

Erhebungszeitraum: 16. bis 17. November 2017, maximale statistische Schwankungsbreite bei n=409 +/- 4,94 Prozent




Bei Interesse an unserer Studie oder bei diversen Fragen stehen wir gerne und jederzeit zur Verfügung. Wir freuen uns auf Ihre Anfrage!

Ihre Ansprechperson

Mag. Thomas Pargfrieder
Senior-Researcher