Industrieperspektiven: Wie Experten die Zukunft der österreichischen Industrie sehen

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer

 

Durchaus kritisch gesehen wird die Entwicklung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie. In einer im Frühjahr 2017 von market durchgeführten Expertenbefragung zum Themenkomplex „Zukunft der österreichischen Industrie“ hat genau ein Viertel der Wirtschafts- und Industrieexperten einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit diagnostiziert. 19 Prozent, also ein knappes Fünftel sehen eine gestärkte Wettbewerbsfähigkeit. Die Differenz ist zwar nur leicht negativ, zeigt aber eine eher zunehmende Sorge um den Industriestandort Österreich. Die Mehrheit vermutet eine stabile, unveränderte Wettbewerbsfähigkeit, ob Stabilität in dieser Zukunftsthematik ausreicht, ist allerdings mehr als fraglich.

 

Auch die Antworten auf die zweite Frage: Wie gut ist die österreichische Industrie im internationalen Vergleich aufgestellt?“ zeigen ebenfalls ein differenziertes Bild. Völlig überzeugt von der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industriebetriebe sind nur 16 Prozent. Die überwiegende Mehrheit (77 Prozent) sieht Entwicklungs- bzw. Verbesserungsbedarf in Sachen Wettbewerbsfähigkeit.

 

Was definiert die Wettbewerbsfähigkeit der Industriebetriebe nun im Detail? Insgesamt wurden den Experten 26 Kriterien zur Bewertung vorgelegt und die Verteilung der Antworten ergibt eine klare Hierarchie der Anforderungskriterien. Die Top 10 werden angeführt von der besseren Nutzung moderner digitaler Technologien. Das ist derzeit die prima Causa der Industrie. An zweiter Stelle liegt das verstärkte Bemühen um eigene Kunden. Kundenbindung ist somit auch ein Thema der Industrie geworden, in einer Zeit, in der generell Bindungen eher abgebaut werden, die Kontakte also loser werden. Das ist ein genereller gesellschaftspolitischer Megatrend. Der Moraltheologe Paul Zulehner spricht in diesem Zusammenhang von der Entsolidarisierung die auch die Kunden der Industrie betrifft. Als drittwichtigster Wettbewerbsfaktor wird die vermehrte Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung gesehen. Dies ist offenkundig zunehmend die Voraussetzung zur Stimulierung von Innovationen und zur Entwicklung neuer Produkte, die wiederum den Absatz anregen.

 

Mehr Professionalität im Vertrieb ist ebenfalls ein vorrangig eingestuftes Wettbewerbsthema. Schulungen der Mitarbeiter sind deshalb zunehmend ein Gebot der Stunde. Das derzeit große politische Thema – die Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle- befindet sich an sechster Stelle im Ranking.

 

 

Welchen Inhalten wird eher weniger Auswirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit zugeordnet? Am allerwenigsten führt die Nutzung von Leasingarbeit zur Wettbewerbsstärkung. Auch der Mitarbeiterabbau senkt zwar die Kosten, erhöht aber nicht die Wettbewerbsfähigkeit. Skepsis besteht auch, ob durch Zukaufen nachhaltiges Wachstum zu erzielen ist.

 

Das breitere oder verbreiterte Angebot löste per se nicht die Herausforderung Wettbewerbsfähigkeit. Interessant: dem Faktor zusätzliches Kapital wird ebenfalls eher weniger Bedeutung zugemessen, egal ob die Beschaffung über Börse oder Crowdfunding angedacht wird.

 

Interessant ist die Meinung zur Marktforschung: Auf der ersten Antwortkategorie kommt zwar nur eine verhaltene Zustimmung (18 Prozent), aber auf der zweiten Antwortskala findet sich eine massive Erwartungshaltung (54 Prozent) an die Marktforschung.

 

 

Zieht man das Fazit aus diesen vielen Punkten, dann sind Produktion und Innovation die Hauptträger des zukünftigen Erfolgs eines Industriebetriebes. An zweiter Stelle befindet sich Marketing und Vertrieb, gefolgt von HR-Management. Finanzierung und rechtliche Faktoren tragen am wenigsten zur Wettbewerbsfähigkeit bei.

 

 

Die Zukunftsthemen der Industrie sind enorm breit. Gedanklich beschäftigt am allermeisten derzeit die Digitalisierung, gefolgt von work-Life-Balance und E-Mobilität. Internet of Things sowie die Gentechnik rangieren nur im Mittelfeld. Metabolic Engineering oder die Organ-Chip-Technologie sind derzeit noch Randthemen.

 

 

 




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Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
Institutsvorstand und Geschäftsführer