Bewegungsjagd: Unterschätzt oder überschätzt lautet die Frage

Kurzfristig und aus gravierendem Anlass wurde eine revierübergreifende Riegeljagd auf der West und Ostseite des Almkogels im Hintergebirge geplant. Der neue ambitionierte Forstmeister des etwa 5500 ha umfassenden Besitzes der Forstverwaltung Weyer lässt alle Rotwildfütterungen in seinem Gebiet auf. Offenkundig ein Trend der Zeit. Vorher sollte aber der Rotwildbestand noch kräftig reduziert werden - unter anderem auch mit diesem Riegler - auf der angrenzenden den Bundesforsten gehörenden Westseite des Almkogels. Es handelt sich dabei um Almflächen und kargen Mischwald in der Kampfzone der Nordalpen um 1500 m. Das Gelände ist felsig und zum Jagen eher schwierig. Dafür schätzt es das Hochwild umso mehr. Viel Ruhe, einige Fichtendickungen als Einstand, Wildsichtbarkeit auch während des Tages und gutes Brunftgebiet.

 

Am 20. Oktober war es so weit. Bei Kaiserwetter haben westlich und östlich des Almkogels rund zwanzig Jäger ihre Anstellplätze bis ca. 8.30 eingenommen. Ab 9.00 drückten einige wenige Holzknechte die Rotwildbrunftzone durch. Die Erwartung war groß.

 

 

Ich habe mir oberhalb meiner Kühbodenalmhütte auf einem Felsabsatz ein schönes Platzerl direkt unter einem alten Bergahorn und einer knorrigen Buche ausgesucht. Eine halbe Stunde Anstieg. Das Laub raschelte viel zu laut und jeder Schritt mit den schweren Bergschuhen störte die Morgenstille am Berg. Unglaubliche Farben, blauer Himmel und im Westen grüßten die Berge des Nationalparks Kalkalpen.

Einfach herrlich. Aris, mein Bayrischer war mindestens so im Berg- und Riegelfieber wie sein Herrl. Endlich oben im Sattel angelangt. Rucksack runter. Wetterfleck und Büchse aus dem Rucksack und schon war ich bereit. Vor uns der alte Rotwildwechsel.

 

Es war knapp vor neun. Meine Mitjäger hatten vermutlich auch inzwischen ihre Stände erreicht. Gespanntes Warten war angesagt. Ständig raschelte das fallende Laub.

 

Doch bereits nach wenigen Minuten ertönt aus dem Jungfichteneinstand das Röhren eines Hirsches. Es kommt näher. Der Wind passt. Da muss ein brunftiges Tier unterwegs sein.

Volle Anspannung. Alles ist gerichtet. Da steht er ca. 60 mehr oberhalb meines Ahornplatzerls in voller Pracht. Ein ungerader 12er im mittleren Alter. Zwei jüngere Beihirsche machen Konkurrenz. Sie sind kurz sichtbar und ziehen wieder ein. Ein tiefes Trenzen nährt diesen Verdacht. Aber was interessieren mich heute die Hirsche, - Kahlwild steht am Programm.

 

Die nächsten Minuten ist es wieder ruhig und kein Kahlwild im Anblick. Plötzlich stoinlts - Tier und Schmaltier stehen etwas oberhalb der ursprünglichen Hirschstelle direkt am Wechsel und dahinter der Zweierhirsch von vorhin.

 

Jetzt aber schnell, bevor sie durchziehen. Im Absehen meiner 300ter ist das Schmaltier. Der Schuss zerreißt die Stille. Das beschossene Stück zeichnet nicht und fährt mit Tempo in den Bestand ein. Ging der Schuss daneben? Selbstzweifel kommen hoch. Gehudelt?

 

Warten ist angesagt und dann um 11.00 mit dem Bayrischen nachschauen. Ich bin froh darüber, dass ich meinen über 13jährigen vierbeinigen Jagdgefährten mit hinauf auf den Berg genommen habe, obwohl der Grauhaarige manchmal am Morgen einfach nicht mehr mit will.

 

Es blieb dann einige Zeit ruhig in meiner Revierecke. Auch von den anderen Schützen war nichts zu hören. So etwa nach über einer Stunde kam wieder Bewegung auf. Sieben Dreierhirsche machten sich auf den Weg ins Revier der Erzdiözese Salzburg. Auch ein besendertes Stück ist dabei. Da wird dann die Telemetrie-Analyse der Daten interessant, wie sich dieses Hirschrudel während und nach der Riegeljagd verhalten hat.

 

Leider kein Kahlwild. Dann, etwa 20 Minuten später, waren zwei Holzknechte in ihren rotgelben Signalanzügen zu sehen. Sie hatten ihre Arbeit gut gemacht. Aber wo bleibt das Kahlwild?

 

Noch eine halbe Stunde zuwarten. Kein Schuss war zu hören, auch nicht von der anderen Bergseite und ich saß ziemlich weit oben. Aber vielleicht verträgt der Wind den Schussknall.

 

Jetzt warte ich nicht mehr länger. Es ist nach 11.00 und ich muss das Stück, sofern es liegt, nach unten über mühsames Gelände liefern.

 

Aris zeigt mir den Anschuss. Schweiß - es müsste liegen. Zügig geht es über Stock und Stein. Mein Grauhaariger braucht keine Schweißleine. Er kennt sich bestens aus und macht die Schweißarbeit sorgfältig. So ein alter Jagdhund ist eine Freude.

 

 

Da liegt es. Ein schwaches Schmaltier. Weidmannsdank an Aris. Sauberer Blattschuss-passt. Es wird das einzige Stück bei dieser Riegeljagd bleiben.

 

War die Erwartung an die Riegeljagd zu hoch? Das Wetter zu schön? Haben die meisten Stücke insbesondere das Kahlwild, den Brunftplatz schon verlassen? Sind die Jäger nicht an den richtigen Wechseln gesessen? Oder sind die Holzknechte nicht ausreichend in die Einstände hinein? Haben Hunde im Trieb gefehlt?

 

Beim Schüsseltrieb konnte man mehr erfahren. Es wurde gar nicht so wenig gesehen. Aber es passte nicht. Da waren einige Gemsen im Anblick. Rotwild wurde gesichtet- einerseits Hirsche und andererseits war so manches Stück Kahlwild zu schnell für so manchen weniger geübten Riegelschützen...

 

 

Funktioniert so ein "Lehrbuchriegler" auch wirklich in der Bergpraxis? Gibt es ein Theorie- Praxisproblem? Welche Erfahrungen haben die österreichischen Jäger?

 

Im April 2017 hat das Linzer market-Institut dazu eine Befragung an rund 380 Jägern österreichweit durchgeführt. Es ging inhaltlich um verschiedenste Jagdthemen - auch um die wahrgenommene Wildbestandsentwicklung im eigenem Revier sowie die Erfahrungen mit unterschiedlichen Bejagungsmethoden.

 

Beurteilt wurden jeweils die Schalenwildarten, die im eigenen Revier vorkommen. Die statistische Botschaft fällt eindeutig aus. Vor allem die Schwarz- und Rotwildbestände haben sich kräftig nach oben entwickelt. Die Entwicklungsbilanz fällt auch beim Rehwild positiv aus. Einzige Ausnahme: Gamsreviere melden überwiegend negative Bestandstendenzen.

 

Auf die Frage, wie sich die Sichtbarkeit der jeweiligen im Revier vorhandenen Schalenwildart entwickelt hat, zeigen sich gravierensde Sichtbarkeitsprobleme beim Rotwild. Mit anderen Worten: die Bestände steigen an und die Sichtbarkeit nimmt gleichzeitig ab. Beim Gams nimmt zwar auch die Sichtbarkeit ab, aber dies steht im statistischen Einklang mit der sinkenden Bestandsentwicklung.

 

Spätestens bei der Frage, wie die jeweilige Dichte der im jeweiligen Revier vorkommenden Schalenwildart sich entwickelt hat, findet sich beim Schwarzwild und beim Rotwild ein jagdliches Dilemma: Etwa jeder zweite Rotwildjäger gesteht in der anonymen Befragung etwas oder sogar viel zu hohe Rotwildbestände im eigenen Revier ein. Dieser Wert steigt beim Schwarzwild sogar auf besorgniserregende 67 Prozent. Also zwei Drittel der Schwarzwildjäger geben unumwunden zu, dass ihr reviereigener Schwarzwildbestand zu hoch ist.

 

Wie soll man denn den Abschuss schaffen? Für nur jeden fünften Jäger ist die Jagd die wichtigste Freizeitaktivität. Gleichzeitig gaben vier Fünftel der Jäger in der Umfrage zu Protokoll, dass sie maximal gleich viel oder sogar weniger Zeit für die Jagd aufwenden, als früher. 52 Prozent stufen sich selber als weniger aktive Jäger ein. Mit im Schnitt 0.7 bis einem Ansitz pro Woche in der Jagdzeit macht dies durchschnittlich 22 Ansitze, mit einer Erfolgswahrscheinlichkeit von maximal 0.2 bis 0.3. Das macht etwa 4 Stück Schalenwild pro Jahr. Damit kommen wir nicht wirklich vom Fleck. Die Bestände steigen und die Abschüsse werden immer schwieriger. Folglich stellt sich die Frage: was trauen wir alternativen Jagdstrategien zum Ansitz zu?

 

Offenkundig nicht all zu viel! Die Ansitzjagd wird von 70 Prozent der Jäger als wirksamste Jagdtechnik in ihrem Schalenwildrevier eingestuft. 21 Prozent pirschen lieber und erfolgreicher und nur neun Prozent schwören auf die Bewegungsjagd.

 

 

Auf die Frage wie gut die mit Abstand am häufigsten genannte Ansitzjagd funktioniert, gibt nur etwa jeder vierte Jäger zu Protokoll, dass diese Jagdart in seinem Revier bestens funktioniert. Etwa jeder dritte macht massive Probleme beim Ansitz aus. Die relative Mehrheit (46 Prozent) ist mit dem Ergebnis der Ansitzjagd in ihrem Revier zumindest zufrieden.

 

Welche Lösungen der offenkundig schwieriger gewordenen Ansitzjagd werden gesehen? Die eindeutige Antwort darauf ist: mehr Ruhe im Revier. Auch Jagd mit allen Mitteln wird als erfolgreicher Lösungsansatz genannt. Angeführt wird die Jagd an der Kirrung bzw. Jagd in der Nacht. Jeder Zehnte setzt auf moderne Ballistik und die Wirkung von Weitschüssen.

 

Revierübergreifende Zusammenarbeit und Jagd ist jedem vierten Jäger ein Anliegen. Die Bewegungsjagd rangiert eher im unteren Bereich der Antworten. Verständlich, denn es ist nicht sehr weit her mit der aktiven Bewegungsjagderfahrung der österreichischen Jäger.

 

 

 

78 Prozent der österreichischen Jäger haben keine oder eine äußerst geringe Bewegungsjagd-Erfahrung.Nur 16 Prozent üben das Handwerk Bewegungsjagd zumindest 2 bis 3 mal pro Jahr aus. Da fehlt offenkundig massiv handwerkliche Fertigkeit. Bewegungsjagdprofis unter den österreichischen Jägern findet man nur magere 6 Prozent.

 

Solides Jagdhandwerk ist durch nichts zu ersetzen und leider keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil: Es nimmt die handwerkliche Jagdleistung leider ab. Handwerk braucht viel Übung, leidenschaftliche Zuwendung und ausreichend Zeit.

 


Dokumentation: Z2498; Online Jägerbefragung in Gesamtösterreich (n= 420); April 2017




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Ihre Ansprechperson

Prof. Dr. Werner Beutelmeyer
Institutsvorstand und Geschäftsführer