Der Generationenvertrag gerät ins Wanken – wie aber sieht es abseits der Wirtschaft mit dem Verhältnis zwischen Großeltern und jugendlichen Enkeln aus? Was wird von Oma und Opa im Familienverband erwartet – und können sie diese Erwartungen erfüllen? market lotete den Status quo der Beziehung von Großeltern zu jugendlichen Enkeln in den Familie aus. Schließlich können aufgrund der demografischen Entwicklung Großeltern ihre Enkel im Schnitt 20 Jahre lang erleben.
Vorab: Enkel, die mit Großeltern in einem gemeinsamen Haushalt leben, gibt es kaum mehr. Hier spricht man von der Multilokalität der Familien, die auf die erhöhte Mobilität zurückzuführen ist.
Auf Basis der Rollenerwartungstheorie hat market einige mögliche Anforderungen an Großeltern formuliert. Die höchsten gesellschaftlichen Erwartungen an Großeltern sind ihre jugendlichen Enkel zu trösten, ihnen Zeit zu schenken, in der geredet und erzählt wird. Zumindest zwei Drittel sind der Meinung, Großeltern sollten sich auf jeden Fall in dieser Weise einbringen.

Die gesellschaftlichen Erwartungen sind aber darüber hinaus vielfältig: So sollen Großeltern, hier in erster Linie wohl die Großmutter, besondere Lieblingsspeisen für Jugendliche kochen, die eben die Oma am besten kocht. Alte Familientraditionen und -rezepte weiterzugeben obliegt ebenfalls den Großeltern. Jeder Zweite meint, Großeltern sollten ein Zufluchtsort für die Jugendlichen sein, aber auch ein Platz, wo die Jugendlichen (ohne Leistungsdruck) mithelfen können.
Neben diesen Wünschen, dass Großeltern gewissermaßen eine seelisch-körperliche Tankstelle im Alltag sein sollten, stehen fast gleichwertig die Wünsche nach Entlastung für die Eltern: Versorgung im Krankheitsfall, Kochen, wenn Eltern in der Arbeit sind oder die Jugendlichen zu sich nehmen, damit die Eltern auf Urlaub fahren können. Immerhin knapp zwei Fünftel möchten auch, dass Großeltern Werte vermitteln, jeder Dritte zählt auch noch Lernunterstützung zu den Großelternpflichten, ebensoviele sehen bei den Großeltern auch einen Platz, wo Jugendliche einmal nicht cool und effizient sein müssen, sondern richtig kindisch sein dürfen.
Finanzielle Zuwendungen an die Enkel gehören nur unter Vorbehalt und weitaus weniger stark zu den „Großelternpflichten“. In Sachen Erziehungsfragen sind die Grenzen der Zuständigkeiten eindeutig geklärt und die Kompetenz ist klar an die Eltern delegiert.
Unterschiedliche Bewertung aus Sicht der Eltern- und Großelterngeneration
Großeltern bringen sich bei Jugendlichen in erster Linie durch die Versorgung physischer Bedürfnisse ein. Besonders gut gelingt es hier, den Jugendlichen Lieblingsspeisen zu kochen, das Mittagessen zuzubereiten, wenn Eltern berufstätig sind oder die Jugendlichen zu versorgen, wenn diese krank sind. Chauffeurdienste werden ebenfalls regelmäßig geleistet.
Spannend wird es, wo es um die emotionellen Hilfeleistungen geht. Während sich die Großeltern selbst in einem hohen Maß als Trost- und Zufluchtsort für Jugendliche sehen, die genügend Zeit mit Reden und Erzählen verbringen, sieht die Elterngeneration da ein klares Defizit: Ihre Kinder, so meinen sie, bekommen von den Großeltern viel zuwenig Zeit gewidmet, Oma und Opa sind nicht der Zufluchtsort für die Kinder, den man sich wünscht.
Klarer Ruf nach den Großeltern bei Berufstätigkeit beider Eltern
Auf die Frage „In welchen Situationen benötigen jugendliche Enkel ihre Großeltern besonders stark?“ antworten knapp zwei Drittel mit: 'Wenn Eltern viel Zeit in der Arbeit verbringen' und 'Wenn die Arbeitszeiten der Eltern mit Familie schwer vereinbar sind (Nachtschicht, Wochenende)'. Bei Berufstätigkeit beider Eltern wird der Wunsch nach einsatzfähigen Großeltern somit besonders laut. Ebenfalls, wenngleich deutlich weniger stark, werden Großeltern von Jugendlichen besonders benötigt, wenn diese von nur einem Elternteil erzogen werden bzw. wenn mit den Eltern viel gestritten wird.
In Patchworkfamilien oder Mehrkindfamilien dagegen sieht man keinen besonderen Bedarf für Großeltern.

In der Regel werden Rollenerwartungen erfüllt. Großeltern tun auch - aus eigener Sicht - ihr Bestes, wenn es um die emotionale und physische Versorgung der Enkel geht. Die Lücke von Erwartung und Erfüllung bei der Elterngeneration, die sich mehr Entlastung bei der emotionellen Betreuung der Kinder erhoffen würde, lässt sich durch eine vermehrte Individualisierung und Mobilität der Großeltern erklären: Oma und Opa sind heute ebenso einer Fülle von Rollenerwartungen ausgesetzt wie ihre Kinder und Enkel. Daher wird es für sie schwieriger, den Status der idealen Großeltern zu erwerben: Sie können zwar die physische Versorgung der Enkel sichern, wenn die Eltern Hilfe benötigen, haben aber auch nicht viel mehr Zeit für die eigenen Enkel als deren Eltern.
Dokumentation der Umfrage BM 363:
Erhebungszeitraum: 17. bis 22. Feb 2012
Online-Interviews, repräsentativ für Österreicher ab 30 Jahren.
(n = 732) Ergebnisse in Prozent; maximale statistische Schwankungsbreite bei n=732 = +/- 3,7%